Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-05-01
- Page
- 286 (sequence 4)
- Language
- German
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286 Im deutschen Reich. Deutschen andern Glaubens. Das haben die Juden auch zu aller Zeit gethan. Es ist kein vereinzeltes Beispiel, wenn Julius Rodenberg in den „Erinnerungen auS seiner Jugend" berichtet, daß seine fromme jüdische Mutter in allen Lagen des Lebens die höchste Erquickung in Goethe's Werken gefunden. Diese sind ein dauernder Schatz für die Deutschen jeden Bekenntnisies, weil in diesen Werken das lebt und webt, was uns alle eint: d i e L i e b e. Lebhafter Beifall belohnte diese Ausführungen. Der Vorsitzende betonte dann, daß der Redner in dankenswertester Weise die Zuhörerschaft aus dem Kreise düsterer Alltäglichkeit zu den lichten Sphären Goethe's emporgehoben habe, der, obgleich in gewisiem Sinne „Ueberrnensch", doch auch ein Mensch gewesen, dem nichts Menschliches fremd war. Weil Goethe die Juden seiner Zeit gekannt, habe er ihre Fehler gesehen und unbefangen geschildert wie ihre Vorzüge. Der eben gehörte Vortrag habe überzeugend bewiesen, daß Goethe nach beiden Seiten hin gerecht war, und daß jenes Gesindel, welches ihn jetzt wegen einiger jene Fehler tadelnden Bemerkungen als ihren Gesinnungsgenossen reklamieren und ihn dadurch zu sich herabzuzerren versucht, kein Spezialrecht auf den großen Mann habe, der auch die Juden zu schätzen wußte und den diese stets zu schätzen gewußt haben. „Daß die gehörten Ausführungen uns in der Ueberzeugung bestärkten, daß wir als Deutsche und als Juden Goethe den „Unfern" nennen dürfen, dafür verdient der Vortragende den größten Dank." Diesem Danke gab die Versammlung durch erneute lebhafte Beifallskundgebungen und durch Erheben von den Sitzen einmüthig Ausdruck. Herr Dr. H o r w i tz erklärte sodann bei der Eröffnung der Diskussion, daß er mit wenigen Worten jene Affaire streifen wolle, die alle deutschen Juden auf's Tiefste bewege und eine Frevelthat betreffe, die an sich leider keine vereinzelte Erscheinung sei, aber dadurch besondere Bedeutung gewonnen habe, daß sie gewaltsam zur Wiederbelebung der antisemitischen Bewegung und zu dem unlauteren Zwecke der Anfachung des Religionshaffes nutzbar gemacht worden sei. Der Redner erklärte, kein Bild der Vorgänge in Könitz und Umgegend entrollen zu wollen, weil jedem durch die Tagespreffe jene traurigen Vorgänge hinreichend bekannt seien» Er wolle auch nicht gegen die Auffassung protestieren, daß die Ermordung des Obertertianers Winter auf einen „Ritualmord" deute. Gegen diese Auffassung ein Wort zu verlieren, hieße die Möglichkeit jüdischer Ritualmorde zugeben. Der bloße Gedanke, daß die jüdische Religion derartige entsetzliche Thaten beschönigen oder gar gebieten könne, müsse jedem Juden das Blut in's Gesicht treiben, aber auch jeden Andersgläubigen mit Abscheu erfüllen, sobald er nicht auf der