Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-05-01
- Page
- 267 (sequence 9)
- Language
- German
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Umschau. 267 sehr unglücklich, denn dieselben Blätter ergehen sich in höhnischen Betrachtungen über die großen Summen, welche die „Berliner Börsenjuden" für die Nothleidenden in Indien gezeichnet hätten, weil „das internationale Judenthum an dem von den englisch-jüdischen Spitzbuben provozierten Kriege interessiert" sei. Daran knüpft sich die wenig an „die gebotene Rücksicht" erinnernde Bemerkung: „Die Zeichnung scheint überdies noch von einer höheren Stelle angeregt worden zu sein. Der deutsche Michel, so dumm er auch sein mag, macht sich über derlei Dinge, die sich gerade in letzter Zeit häufen, seine eigenen Gedanken." Wenn dies der Fall wäre, dann würden allerdings die sich häufenden traurigen Dinge, welche den Antisemiten in Deutschland und Oesterreich ihren Ursprung verdanken, Grund genug zum Nachdenken geben. Der Niedergang der kommunalen Verhältnisie und des allgemeinen Wohlstandes in Wien lehrt, welche Glückseligkeit die Gemeinden unter antisemitischer Leitung zu erwarten haben. In einem Vortrag über die Gründe der MandatSniederlegung der Wiener fortschrittlichen Gemeinderäthe wies am 10. April der ehemalige Gemeinderath Zifferer nach, daß im Jahre 1896 bei Uebergabe der Geschäfte an die Christlich-Sozialen das Gemeindevermögen Wiens nach Abzug der Schulden 90,8 Millionen, das. mobile Vermögen 5,549,000 Gulden betrug. Jetzt betragen die Schulden für die Gaswerke 32 Millionen, für Elektrizitätswerke 15 Millionen, die schwebenden Schulden 8 Millionen, für die erweiterte Wasierleitung sollen 50 Millionen ausgenommen werden, dabei ist noch eine Investitions-Anleihe in der Höhe von 80 Millionen in Betracht zu ziehen. Diese Erfolge haben die Wiener Antisemiten in finanzieller Hinsicht aufzuweisen. Noch größer sind ihreMißersolge in idealerBeziehung, da ihnen eine entsetzliche Verrohung der Sitten zuzuschreiben ist, welche in den parlamentarischen Körperschaften überaus grell zum Ausdruck gelangt. Als am 6. April der Aög. Ofner im niederösterreichischen Landtage darauf hinwies, daß die Blutbeschuldigung gegen die Juden in mehreren päpstlichen Bullen als Lüge b.Zeichnet worden sei, ries der Abg. Ernest Schneider dazwischen: „Der alte Schwefel! Als ob's nicht auch Päpste gegeben hätte, die Geld gebraucht haben", und als der Statthalter in einer späteren Sitzung darauf verwies, daß das Ritualmord-Märchen von den „obersten kirchlichen Autoritäten der römisch-katholischen Kirche" als grundlos erklärt worden, veranlaßt« dies Herrn Schneider zu dem Zwischenruf: „Gegen Bezahlung!" „Durch diese Zwischenrufe," führte eine im Landtage vom Abg. Noske eingebrachte Interpellation aus, „erklärt Abg. Schneider eine Anzahl