Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-05-01
- Page
- 265 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316663-2316669--06747-2326017- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 265 vertreten durch die extremen Agrarkonservativen und durch die Antisemiten, welche sich euphemistisch auch den Namen „Soziale Neformpartei" beilegen." Wo der gesunde Sinn der Bevölkerung rechtzeitig über die wahre Natur dieser Aufwiegler zur Klarheit gelangt, bleibt das Gift der Verhetzung glücklicher Weise doch schließlich wirkungslos. Bei der Reichstagsnachwahl im Auricher Wahlkreise hat die Verbrüderung der Deutsch - Sozialen Antisemiten mit den Agrarkonservativen für ihren Kandidaten, den Herausgeber der „Staatsbürger- Zeitung", Wilhelm Bruhn, trotz aller Anstrengungen nur 1600 Stimmen aufbringen können, so daß der nationalliberale Kandidat Dr. Semmler mit weit über 6000 Stimmen den Sieg errang. Noch kläglicher war die Niederlage, welche bald darauf in den ersten Maitagen der antisemitische Führer, Liebermann von Sonnenberg, gerade in dem Wahlkreise erlitt, welcher in so unerhörter Weise mit antisemitischer Drachensaat bearbeitet worden ist, dem Landtagswahlkreise Konitz-Tuchel- Schlochau! In dem von dem Gutsbesitzer Schrader-Zechlau erlassenen Wahlaufruf war nicht nur betont worden, daß Liebermann iin Kreise Tuchel 1848 geboren ist, sondern noch hinzugesügt: „Die Wahl des Reichstags-Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg würde in ganz Deutschland als eine dringende Petition an unsere Staatsbehörden angesehen werden, alles aufzubieten, damit der geheimnißvolle Mord an dem Gymnasiasten Ernst Winter in Könitz nicht wie ähnliche Mordthaten in den letzten Jahren (Skurz. Xanten rc.) unentdeckt und ungesühnt bleibt. An Mahnungen dazu würde es Herr v. Liebermann im Hause der Abgeordneten nicht fehlen lasten." Trotz dieser Empfehlung ist der nationalliberale Kandidat Osiander mit 266 Stimmen gewählt worden, während im ganzen nur zwei Stimmen auf den antisemitischen „Rufer im Streit" gefallen sind, der sich bekanntlich selbst als Bindeglied zwischen der „Deutsch- Sozialen Neformpartei" und dem „Bunde der Landwirthe" betrachtet und in beiden Sätteln gerecht ist. Daß er in Bezug auf Anwendung von „demagogischen Mitteln" nicht gerade wählerisch zu sein pflegt, zeigte sich in einer in Hamburg am 17. April von dem „Verband Nordmark" abgehaltenen Versammlung. Dort sagte Liebermann in' einer mehrstündigen Rede: „Es wird mit einem anscheinend konservativen Ministerium liberal regiert; das Judenthum kommt hierbei nicht zu kurz, denn Bülow ist groß und Levysohn sein Prophet." Nach einigen Ausfallen auf die Namensänderungen mancher Israeliten, wodurch er eine Heiterkeitswirkung erzielte, fuhr er fort: Königreiche in Afrika würden an Börsianer verschenkt. Nach außen sehe eS ebenso