Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1900)
- Article
- Der Kampf um die Emanzipation der Juden in Deutschland
- Date
- 1900-05-01
- Page
- 240 (sequence 4)
- Language
- German
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240 3m deutschen Reich. gerecht und billig nur nach den letzten Erscheinungen, nach den Vorfällen der jüngsten Tage ein Urtheil zu fällen. Ein Gesammtbild müssen wir zu gewinnen suchen, von einer höheren Zinne aus die Fülle der Geschehnisse an uns vorüberziehen lassen, dann wird der Eindruck freundlicher sein, Licht und Schatten sind vertheilt — und wir werden trotz der rückläufigen Strömung, in der wir uns befinden, erkennen, daß die Entwicklung stetig vor sich' geht, und wenn auch nicht in gerader Linie, wir nach aufwärts streben und manches anders, besser geworden. Aus Anlaß der Jahrhundertswende wollen wir den Kampf um die Emanzipation der Juden in Deutschland schildern, um zu zeigen, wie edle Männer, trotz der scheinbaren Hoffnungslosigkeit und der sich aufthürmenden Schwierigkeiten, den Kampf muthig ausgenommen und, unbeirrt von des Tages Strömungen, nur von der Macht der Ideen und ihrer Ideale geleitet, vorwärts gedrungen, um der Freiheit und Gleichheit eine neue Gasse zu bahnen. Zurückgedrängt, haben wir unverzagt den Kampf wieder aufzunehmen, fortzusetzen, denn unsere Aufgabe bleibt es, nach einem hehren Kaiserwort „die heiligsten Güter der Menschheit zu wahren", indem wir die Ideale Hochhalten, Recht und Freiheit nicht verkümmern lassen und für die Verbreitung und Vertiefung idealer Gesinnung sorgen. „Nur wer muthig ringt, erwirbt die Freiheit." * * * Die Anfänge des Kampfes um die Emanzipation der Juden, um ihre Befreiung von jenen drückenden Fesseln, welche die Intoleranz und Bekehrungssucht der Kirche, der Eigennutz und die Willkür der Fürsten, die Scheelsucht und die Bigotterie der Bürger immer fester geschmiedet, sind bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts zurückzuführen. Unsere Altvordern selbst waren gegen das Drückende ihrer Lage abgestumpft und hatten dumpf die Schmach der Ausschließung getragen. Sie hatten wohl die Zeit der Erlösung in Gebeten heiß herbeigefleht, doch nichts gethan, um die Fesseln zu sprengen. Sie seien im „Goluth", sie seien in der Verbannung, und damit war für sie alles erklärt, was menschliche Engherzigkeit und Bosheit ersonnen, um die vermeintlich Verstockten ob der Hartnäckigkeit, mit der sie sich den gepriesenen Heilslehren gegenüber verschlossen, zu strafen und sie ihre Verworfenheit fühlen zu lassen. Alle Verfolgungen und Ausbrüche