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Im deutschen Reich · 1900-04-01 · Heft 4 (April 1900) · p. 234

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 4 (April 1900)
Article
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur [Rezension]
Date
1900-04-01
Page
234 (sequence 4)
Language
German
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234 Im deutschen Reich selbst der Schluß eines sehr interessanten Aufsatzes des Geh. Kirchenraths Professor Carl Siegfried: „Die Episode des jüdischen Hellenismus in der nachexilifchen Entwicklung des Judenthums". Weil nach der Zerstörung des zweiten Tempels die Beschäftigung mit griechischer Wissenschaft unter den Juden aufhörte, die doch nach wenigen Jahrhunderten wieder ausgenommen wurde, hält Siegfried sich zu dem Satze berechtigt: „die große Klarheit im Begreifen des eigenen Wesens und der unerschütterliche Wille, dieses und nur dieses unter allen Umständen zu behaupten und sich vor allen Dingen durch nichts imponieren zu lassen, in diesen Eigenschaften . . . liegt die Erklärung der großen weltgeschichtlichen Erfolge des Judenthums". (S. 60). Mit Recht bemerkt die Redaktion des Jahrbuchs hierzu, „daß unsere Anschauung von diesen Fragen eine wesentlich andere ist". Wie fern sind wir doch von dem „uns durch nichts imponieren lassen"! Lassen wir uns nicht — übrigens gleich der Mehrzahl unserer christlichen Mitbürger — recht oft von litterarischen Eintagsfliegen imponieren? Unwillkürlich kommt dieser Gedanke, wenn man einen sonst anerkennenswerthen wissenschaftlichen Aufsatz dieses Jahrbuchs liest, der sich mit dem im 18. Jahrhundert zu Wilna lebenden Rabbi Eliahu ben Salomo beschäftigt und ihn mit dem „Nietzeschen Uebermenschen" vergleicht. Auch das ganz nach Nietzsche klingende Citat aus Renan, „der letzte Zweck aller Anstrengungen des Menschengeschlechts" sei „kein anderer, als große Menschen in die Welt zu bringen", sollte dem Angehörigen einer Religionsgesellschaft nicht imponieren können, deren Sittenlehre das Wohl aller Menschen auch der ärmsten, und schwächsten, im Auge hat! Die Renan-Nietzesche - Lehrewelche ganz consequent aus ihren Voraussetzungen schließt, daß die Masse nur „Kulturdünger" sei, die Rücksicht auf ihr Wohlergehen und ihre sittliche Hebung den „Herrenmenschen" oder „Uebermenschen" in keiner Weise verpflichte, ist ein seichtes Produkt der Studierlampe aus jener Zeit, in welcher sich die Geschichtswissenschaft anstatt mit der Kulturentwickelung der Völker einseitig mir den Lebensschicksalen der großen Männer beschäftigte. Mehr angebracht als in jenem wissenschaftlichen Aufsatze ist die Rolle, welche die Werke Nietzsche's spielen in der gemüthv ollen Erzählung „die Toten", die Ulrich Frank in dem Jahrbuchs veröffentlicht. Der Derfaffer oder vielmehr die Verfasserin läßt einen jungen Mann an dem Zwiespalte zwischen der religiösen Auffassung in seinem Elternhause und den Anschauungen und Gefühlen, welche die Außenwelt in ihm weckt, zu Grunde gehen. Die Schriften Schopenhauers und Nietzsches bewirken, daß er seinen inneren Kämpfen durch Selbstmord ein Ende macht.

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