Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 4 (April 1900)
- Article
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur [Rezension]
- Date
- 1900-04-01
- Page
- 235 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316663-2316668-2325801--06711-2325892- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Bücherschau. 235 Hier wie in einer anderen Novelle des Jahrbuches, die von dem englischen Ghettodichter Israel Zangwill herrührt, bringt — wie gewiß tausendfach in der Wirklichkeit — der Umzug in eine moderne Großstadt eine völlige Veränderung in das Leben einer jüdischen Familie. Liebe und Verständniß zwischen älteren und jüngeren Familienmitgliedern nehmen ab, und unter den neuen Eindrücken schwindet sowohl die äußere Bethätigung der ererbten Religion, wie die Anhänglichkeit an sie. Um so härter wird dann der gesellschaftliche Antisemitismus der Umgebung empfunden, und das Bewußtsein, weder die Anschauungen dieser Umgebung noch die der eigenen Eltern theilen zu können, führt zu tragischen Konflikten. Es liegt im Geiste echter Poesie, lediglich aus unser Gefühl zu wirken; sowohl Zangwill wie Frank schreiben ohne Tendenz, sie erwähnen nicht, wie die von ihnen geschilderten Konflikte hätten vermieden werden können. In dieser Zeitschrift aber darf wohl angedeutet werden, daß die Seelenkämpfe Florence Peyser'S und Benjamin Herzberg'S, der Helden der beiden Novellen, entschieden gemildert worden wären, wenn sie das bei ihren Eltern mangelnde Verständniß für ihre Anschauungen wenigstens bei anderen gesunden hätten. Weder in London noch in Breslau dürfte es ideal gesinnten und europäisch gebildeten Juden schwer werden, ihres Gleichen zu finden. Am leichtesten dürfte es in den Vereinen geschehen, welche der Verbreitung der Kenntniß der Geschichte des Judenthums oder seiner Vertheidigung gegen ungerechte Angriffe gewidmet sind. So sprechen also jene Erzählungen für die Wichtigkeit von Vereinigungen unter unseren Glaubensgenossen auch zu anderen als rein religiösen Zwecken. Daß gerade die geistige Noch der Isolierung ebenso wie die materielle Noch bekämpft werden muß, ist ein Gedanke, in den ein Aufsatz dieses Jahrbuchs von Lady PH. Magnus „die Wohlrhätigkeit im talmudischen Zeitalter" ausklingt. Bekanntlich ist neuerdings überall in der Armenpflege die Ueberzeugung durchgedrungen, daß eS mit dem Almosen geben allein nicht, gethan ist, sondern daß nur inniger Verkehr zwischen Arm und Reich des „armen Mannes düstere Tage" erhellen kann. Dieser Gedanke hat bekanntlich vor einigen Jahren in England dazu geführt, daß junge Männer und Frauen m Menge ihr gemächliches Heim in West-London verließen, um sich längere Zeit den Interessen der Armen in Ost-London widmen zu können. Lady MagnuS zeigt, daß bereits der Talmud zur Wohlthätigkeit nicht nur Abgabe von Gütern, sondern Bethätigung der Liebe in Hingabe der Persönlichkeit verlangt, und daß die Theilnahme