Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 4 (April 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-04-01
- Page
- 205 (sequence 9)
- Language
- German
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Umschau. 205 so daß sie fast blutleer und anscheinend „geschachtet" erscheinen, läßt diejenigen Politiker gleichgültig, welche das zu fördern als ihre Aufgabe betrachten, was dem Reichskanzler als Krebsgang gilt. Sie ahmen, unbekümmert um die Folgen, den von einem Bildhauer dargestellten Rosiebändigern nach, von denen nach einem bekannten Volkswitz „der eine den Fortschritt hemmt und der andere den Rückschritt befördert." Die deutschen Antisemiten hofften vergeblich einen jüdischen Eideshelftr zu erlangen, weil sich schon einmal ein Mann fand, deffen Äußerungen von den österreichischen Antisemitenb^ättern verroerthet werden konnten. Dieselben veröffentlichten ein vom 18. Februar d. I. an die deutsche Judenschaft gerichtetes Rundschreiben, in welchem ein Herr Leopold Landau aus Pforzheim unter Heranziehung allerlei angeblich kabbalistischer Formeln behauptet, daß bei dem Morde in Polna Zeichen zu Tage getreten sind, die dem Verbrechen „ein jüdisches Gepräge" gaben. Welcher Werth diesem Rundschreiben beizumessen war, ging aus nachfolgender amtlicher Bescheinigung des großherzoglich badische» Bezirksamtes Pforzheim vom 7. Marz 1900 hervor: „Es wird bescheinigt, daß Kaufmann Leopold Landau vom 18. Dezember 1894 bis 10. Januar 1895, vom 25. Januar 1899 bis 25. Februar 1899, vom 1. Januar 1900 bis 1. Februar 1900 in der I r r e n a n st a l t Jllenau untergebracht war." lieber den Polnaer Mord hat übrigens Professor Masaryk eine neue Schrift erscheinen lassen, welche die bedeutsamen Ergebnisse der von ihm eiftig fortgesetzten Studien über diese traurige Affaire enthält. In der Vorrede des Werkes sagt der Verfasser: „Tie Antisemiten sehen im Polnaer Verbrechen die stärkste Bestätigung des Ritual-Aberglaubens. DaS hat mich bewogen, den Polnaer Prozeß nach allen Seiten genau zu überprüfen, und das Resultat dieser Prüfung lautet: das Polnaer Verbrechen ist kein Ritual-Verbrechen, im Gegentheil ist eS ein schlagender Beweis dafür, daß der Ritual- Aberglaube in der That im vollsten Sinne deS Wortes ein Aberglaube ist. Dieser Aberglaube ist eine Schmach der Zeiten, eine brennende Anklage des ojfiziellen Christenthums, die offene Thür alles übrigen Aberglaubens, die hohe Schule nationaler und sozialer Verblendung und Gewaltthätigkeit." Wie aus Prag berichtet wird, steht die Entscheidung des Mordprozesses Hülsner nahe bevor; dieselbe dürfte sensationell werden. DaS dem obersten Gerichtehose unterbreitete Material soll geeignet sein, diese Affaire in einem ganz neuen Lichte