Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 4 (April 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-04-01
- Page
- 202 (sequence 6)
- Language
- German
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202 3m deutschen Reich. nur mit äußerster Mühe des Bauernbundes erwehrt, können wir uns nicht selbst durch den Bund der Landwirthe Motten in den Pelz setzen. Die mit der Leitung der Centrumsfraktion in enger Fühlung stehende „Neue Bayerische Ztg." warnt denn auch aus diesem Gesichtspunkte vor den Antisemiten. „Schaut Euch um, der Fuchs geht um!" ruft sie den Parteigenossen zu, die sich bereits von den Antisemiten umgarnen ließen." Der „Bund der Landwirthe" eignet sich schon deshalb nicht zum Bundesgenossen des Centrums, weil er lediglich jene materiellen Interessen vertritt, deren Fluth einzudämmen nicht nur der Reichskanzler für nöthig hält, sondern auch jede Partei, welche ideale Ziele verfolgt. Wenn der greise Reichskanzler, durch die erbitterte Gegnerschaft der Agrarier und der Antisemiten veranlaßt, das ergreifende Bekenntniß ablegte, daß der mit ihm altgewordene Glaube an den Fortschritt der Menschheit in letzter Zeit etwas erschüttert worden sei, theilt er diese Empfindung mit allen wahren Menschenfreunden. Wenn Vernunft und Wissenschaft verachtet werden, wenn die Wahngebilde des Mittelalters zu den schnödesten Parteizwecken wieder aufgefrischt werden, dann muß jeder Volksfreund daran verzagen, daß wir uns noch im aufsteigenden Fortschritt befinden. Sollte der bei den antisemitischen Lärmscenen im Reichstage lautgewordene Ruf: „Das ist schon ganz wie in Oesterreich!" eine Wahrheit enthalten, sollten die wüsten Ausbrüche bei der Lucian-Brunner-Versammlung in München die wahre Volksstimmung charakterisieren, oder die Ritualmord- Hetzereien der Konitzer Fortbildungsschüler für die Bildungsstuse eines großen Theils der Heranwachsenden Jugend einen Maßstab bieten, dann stünde es schlimm, nicht um die deutschen Juden, sondern um den wohlerworbenen Ruhm des deutschen Volkes, an der Spitze aller Kulturvölker zu marschieren. Wir denken bester vom deutschen Volke, welches diese geistige Influenza, deren Ansteckungsstoff von kranken und böswilligen Individuen weithin verbreitet worden ist, glücklich überwinden wird. Mit den Kulturfortschritten geht es wie bei einer gewisten Springprozession immer zwei Schritte vorwärts und einen rückwärts, aber schließlich kommt die Kultur dabei doch weiter. Wer das Rad derselben rückwärts zu drehen sich bemüht, büßt schließlich dieses frevelhafte Beginnen dadurch, daß er zermalmt wird. Das ist ein Naturgesetz, welches sich langsam aber sicher vollzieht. Die schauerliche Mordthat, welche von unbekannten Uebelthätern am II. März an dem Obertertianer Ernst Winter in Könitz in Westpreußen verübt worden ist,, kam denen gelegen, welche seit dem Kuttenberger Prozeß förmlich darnach lechzten, in Deutschland ein