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Im deutschen Reich · 1900-04-01 · Heft 4 (April 1900) · p. 201

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 4 (April 1900)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1900-04-01
Page
201 (sequence 5)
Language
German
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Umschau. 201 ich die Fackel der Zwietracht in die deutschen Stämme schleuderte, bloß weil jemand einer anderen Religion angehört!" — In den agrarischen und den antisemitischen Blättern finden fich neuerdings die heftigsten Drohungen gegen die Regierung, weil dieselbe angeblich das Fleischbeschaugesetz deshalb habe zurückstellen lasten, um erst die Flottenvorlage durchzudrücken. Die „Südd. Reichs-Korrespondenz" bezeichnete als den eigentlichen Zweck dieser Angriffe eine Erschütterung der Stellung des Reichskanzlers, aber der Trinkspruch, den dieser bei dem Jubelfest der Akademie der Wiffenschaften gehalten hat, berechtigt zu der Erwartung, daß in ihm nach seinen eigenen Worten „noch genügend geistige Kraft und Macht vorhanden ist,! um die drohende Fluth der materiellen Interessen auf ihr richtiges Maaß z u r ü ck z u d ä m m e n." Den greisen Staatsmann werden die Drohungen nicht schrecken, mit welchen eine neuere langathmige Erklärung des „Bundes der Landwirthe" schließt, nämlich von nun ab „im Reichstage jede gouvernementale. und persönliche.Rücksichtnahme schwinden zu lasten und rein sachliche Politik zu treiben, eine Politik, vor der die Regierung der Linken gegenüber, wie die letzte Zeit es gezeigt hat, stets kapitulierte". Wenn die Regierung geistige Kraft und Macht zeigen wird, dürste .der agrarisch-antisemirische Heerbann des Herrn von Wangenheim rasch zusammenschmelzen und die drohende Fluth fich schnell verlaufen. Die im Reichstage hervorgetretenen Bemühungen der Antisemrten, Fühlung mit dem Centrum zu gewinnen, find auch in einzelnen Vereinsversammlungen, besonders in Bayern, bemerkt worden, wo die Antisemitenführer sogar dieMitglieder katholischer Arbeiter-Organisationen zur Sprengung einer Versammlung in München verleiteten, in welcher ein Jude sprechen sollte. Die in einem dortigen Arbeiter-Wahlverein der Centrumspartei kürzlich gehaltenen antisemitischen Reden werden von der „Frankfurter Ztg." als eine Politik bezeichnet, die fich in den unteren Centrumskreisen anspinnt. Das genannte Blatt schreibt: „In den höher liegenden Parteikreisen hat man die Dinge eine Weile gehen lasten. Inzwischen hat man aber die Gefahr endeckt, die dem Centrum von den Antisemiten kommen kann. Die antisemitischen Führer haben fich nämlich auch dem Bunde der Landwirthe verschrieben, geben in München ein Organ des Bundes heraus, agitieren für den Bund in Stadt und Land, haben schon eine Reihe von Versammlungen für ihn veranstaltet re. Klerikale, die weiter schauen als das kleine Vereinsvolk, sagen sich nun: die Antisemiten entfremden uns auf diese Weise die Bauern, d. h. unsere Wähler. Haben wir uns erst

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