Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 4 (April 1900)
- Article
- Unser Verhalten gegen den Antisemitismus in politischer, sittlicher und gesellschaftlicher Beziehung
- Date
- 1900-04-01
- Page
- 189 (sequence 13)
- Language
- German
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Unser Verhalten gegen den Antisemitismus rc. 18S er umgeht, von der allgemeinen Verurtheilung ausnimmt, ja geradezu erklärt, wir erscheinen ihm nicht als Juden. Gegen eine solche Ausnahmestellung der persönlich Bekannten und die Subsummierung aller anderen Unbekannten unter das allgemeine Vorurtheil müssen wir uns verwahren. Wir könnten solchen Leuten zurufen: „Lernt erst die Anderen kennen, und Euer Vorurtheil wird schwinden; Leute meines Schlages giebt es noch Tausende unter meinen Glaubensgenossen." Der Jude gleicht nun einmal nicht in seiner äußeren Erscheinung einer Ballschönen, die durch ihre sinnberückende Schönheit sofort die Augen Aller aus sich zieht. Erst bei näherem Umgang zeigen sich seine Vorzüge. Lassen Sie mich noch einiger Charakterschwächen gedenken, — denn Schwächen sind es mehr als Fehler — die einzelnen Juden meines Erachtens nicht mit Unrecht zum Vorwurf gemacht werden. Es ist dies das Prunken und Prahlen mit errungenen Erfolgen, mit erworbenem oder ererbtem Reichthum, das Beladen mit kostbaren Stoffen, Gold und Juwelen, wie es namentlich so mancher jüdischen Frau noch eigen ist. Abgesehen von der Geschmacklosigkeit eines solchen Verhaltens, sollten wir bedenken, daß wir dadurch in einer ohnedies von Neid geschwängerten Zeit nur neuen Stoff zu Neid und Mißgunst geben. Eine Schwäche möchte ich noch erwähnen, die uns nicht von unseren Gegnern zum Vorwurf gemacht wird, die zu berühren wir aber selbst Anlaß haben. So mancher, der sich sonst in seiner Heimath unter Bekannten seines Judenthums nicht schämt, möchte besonders in der Fremde nicht für einen Juden gehalten werden. Von einem hervorragenden Ehrgefühl, von einer besonderen Hochachtung vor der Religion zeugt ein solches Verhalten nicht. Wer Jude ist und es bleibt, muß auch ungescheut sein Judenthum bekennen. Wir haben wahrlich keinen Anlaß, uns der Zugehörigkeit zur ältesten Kultur-Religion, der die anderen Kultur - Religionen ihr Bestes entnommen haben, zu schämen. Welche Achtung können unsere christlichen Mitbürger vor solchen Juden haben, die mit ihrer religiösen Ueberzeugrmg scheu hinter'm Berge halten, als sei es Missethat, die uns in den Augen eines Ehrenmannes herabsetzen müßte! Es ist eine oft gehörte Frage: Wie soll man sich in dieser Beziehung besonders auf Reisen verhalten? Es liegt mir fern, etwa den Rath zu geben, man solle sofort bei Anknüpfung einer flüchtigen