Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 4 (April 1900)
- Article
- Unser Verhalten gegen den Antisemitismus in politischer, sittlicher und gesellschaftlicher Beziehung
- Date
- 1900-04-01
- Page
- 190 (sequence 14)
- Language
- German
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190 3m deutschen Reich. Bekanntschaft seinen neuen Bekannten mit der Erklärung entgegentreten: Ich ■ bin ein Jude. Wohl aber empfiehlt es sich, bei längerem Zusammensein, bei näherer Bekanntschaft gelegentlich und in nicht auffallender Weise seine Zugehörigkeit zum Judenthum zu erwähnen. Zieht sich in Folge der Erklärung der neue Bekannte von uns zurück, so mag es sein; wir werden meist an der Bekanntschaft nicht viel verloren haben. Setzt er den Umgang mit uns, wie es meist der Fall sein wird, in der früheren Art fort, so haben wir die Ueberzeugung, daß wir es mit einem unbefangenen, vorurtheilsfreien Menschen zu thun haben, und der Verkehr wird ein um so innigerer sein. Durch ein solches Verhalten werden wir un« manche Ungelegenheir ersparen, der wir sonst vielleicht auSgesetzt wären, wenn gelegentlich irgend einer antisemitischen Aeußerung oder einer das religiöse Gebiet berührenden Frage unser Ehrgefühl uns zwänge, uns nachträglich als Juden zu bekennen. Fehler und Schwächen sind auch bei uns vorhanden, wie sie jedem Menschen eigen sind. Soweit sie noch vorhanden sind, wird cs als die Aufgabe aller rechtlich denkenden Bekenner des Judenthums betrachtet werden müssen, durch Beispiel, Belehrung und Erziehung auf ihre Beseitigung hinzuwirken. Vor allem aber ist es nölhig, daß die mit solchen Charakter-Schwächen Behafteten sich ihrer Fehler bewußt werden und in strenger Selbstzucht an ihrer Beseitigung arbeiten. Je rascher es uns gelingt, diesen Läuterungs-Prozeß an uns zu vollziehen, unseren Gegnern jedes Angriffs-Objekt zu entziehen, das sie aus unserer Person, aus unserem Verhalten gegen unsere Mitbürger, aus unseren Charakter-Schwächen entnehmen könnten, desto sicherer dürfen wir auf eine Abdämmung der antisemitischen Bewegung rechnen. Der ganze Verlauf unserer Geschichte beweist uns, daß uns dieser Läuterungs-Prozeß gelingen wird. Vergegenwärtigen wir uns die Zustände am Anfang des jetzt abgclaufenen Jahrhunderts, wo wir Juden durch eine brutale Gesetzgebung an der freien Bethätigung unserer Kräfte, an der Mitarbeit am geistigen Leben der Nation gehindert waren und nur einzelne hervorragende Männer durch ihre glänzenden Geistesgaben bewiesen, daß trotz tausendjährigen Druckes die moralische und geistige Kraft des Stammes noch nicht erloschen war! Vergleichen wir diese Zu-