Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 4 (April 1900)
- Article
- Unser Verhalten gegen den Antisemitismus in politischer, sittlicher und gesellschaftlicher Beziehung
- Date
- 1900-04-01
- Page
- 188 (sequence 12)
- Language
- German
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188 Im deutschen Reich. die den Werth eines Menschen nicht nach seiner Religion, sondern nach der Ehrenhaftigkeit seiner Gesinnung, der Lauterkeit seines Lebenswandels, seiner Einsicht und seiner Befähigung beurtheilen. Solche Kreise zu meiden, hieße die Kluft zwischen den einzelnen Gesellschafts- und Religionsklassen, welche leider Gottes schon groß genug ist, erweitern, während es unsere Ausgabe sein muß, sie auszufüllen, zum mindesten zu überbrücken. In keinem Falle darf das Wachsen der antisemitischen Bewegung uns an der kräftigen Antheilnahme an allen gemeinnützigen Bestrebungen in Gemeinschaft mit unseren christlichen Mitbürgern behindern, mögen diese Bestrebungen auf unseren Beruf, auf kommunale und politische Angelegenheitm, auf Hebung der Bildung und Wohlfahrt des Volkes oder auf Mildthätigkeit gerichtet sein. Insbesondere in letzterer Beziehung möchte ich vor einer Ueberspannung des konfessionellen Bewußtseins, vor einer schroffen Betonung konfessioneller Unterschiede warnen. Der höchste Ruhmestitel des jüdischen Stammes war es von jeher, sich der Roth und des Elends zu erbarmen, in welcher Gestalt es ihm auch entgegentrat. Der wohlhabende Jude wird sich seiner bedrängten Glaubensgenossen und der innerhalb des Judenthums bestehenden Wohlthätigkeits- und Wohlfahrts-Einrichtungen mit warmer Liebe schon deshalb annehmen, weil ihnen von Staat und Kommune nur geringe Unterstützung zu Theil wird; er wird aber auch der christlichen Armen und Verlassenen und der christlichen Wohlthätigkeits-Anstalten nicht vergessen. Auch das ist ein in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzendes Mittel zur Ausfüllung der Kluft, zur Ausgleichung der Gegensätze. Nicht zum Geringsten liegt der Grund der feindseligen Stimmung eines Theiles unserer christlichen Mitbürger gegen uns in der Unbekanntschaft mit unserem Denken und Fühlen, mit unserem Thun und Treiben. Wie anders wäre es zu erklären, daß die antisemitische Bewegung gerade da am üppigsten ins Kraut geschossen ist, wo es nur wenige Juden giebt, wie zum Beispiel im Königreich Sachsen. Wie anders wäre es zu erklären, daß selbst ein Mann wie Heinrich von Treitschke, der aus seiner Abneigung gegen alles Jüdische kein Hehl macht, geradezu erklärt, ihm sei eine Reihe von Juden bekannt, deren ehrenhafter Charakter sie feines näheren Umgangs, ja seiner Freundschaft werth macht. Wem von uns wäre es nicht schon passiert, daß ein Christ gerade uns, mit denen