Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 4 (April 1900)
- Article
- Unser Verhalten gegen den Antisemitismus in politischer, sittlicher und gesellschaftlicher Beziehung
- Date
- 1900-04-01
- Page
- 187 (sequence 11)
- Language
- German
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Unser Verhallen gegen den Antisemitismus rc. 187 Ich will nicht in Abrede stellen, daß einzelne Juden noch an einzelnen der hervorgehobenen Charakter-Eigenthümlichkeiten leiden. Es sind dies meist die den unteren Schichten der Bevölkerung Angehörenden, welche die aus der früheren Rechtlosigkeit und Unterdrückung, aus der Einseitigkeit der bisherigen Berufsthätigkeit entstammenden gesellschaftlichen Mängel noch nicht völlig haben ablegen können. Wie das Hühnchen, nachdem es dem Ei entkrochen, noch einige Zeit die Schalen des Muttereies mit sich hemmträgt, so haben auch einzelne Juden die G h e t t o - Schalen noch nicht ganz abzustreisen vermocht, zum großen Schmerze her gesellschaftlich höher stehenden Juden. Aber bilden jene Zurückgebliebenen etwa die Mehrheit unter den Juden oder auch nur einen so großen Prozentsatz, daß man ihre mangelhafte Charakter¬ oder gesellschaftliche Bildung der Gesammtheit zur Last legen könnte? Keineswegs! Die überwiegende Mehrheit der deutschen Juden weiß sich ebenso frei von Selbstüberschätzung und Hochmuth, wie von wegwerfender Kriecherei. Ihres inneren Werthes sich bewußt, geben sie furchtlos ihrer Meinung auch vor Hochgestellten Ausdruck, sind maßvoll und bescheiden in ihrem Verhalten gegen Gleichgestellte und wohlwollend gegenüber Untergebenen. Krankhafte Empfindlichkeit wird uns zum Vorwurf gemacht. Ich will zugeben, daß wir empfindlicher gewordm sind; wir sind es geworden durch die Stärke der antisemitischen Bewegung, welche Kreise ergriffen hat, von denen wir bisher annehmen zu können geglaubt haben, daß sie sich von der Ansteckung frei halten würden. So manche Aeußemng, die wir früher für harmlos gehalten und unbeachtet gelassen, vielleicht sogar belächelt hätten, betrachten wir jetzt mitunter als Ausfluß der uns feindlichen Gesinnung. Wir ziehen uns oft mimosenhaft scheu vor jeder feindlichm Berührung zurück und beschränken meist unseren Verkehr auf Glaubensgenossen. Handeln wir recht hiermit? Nur zum Theil! Daß wir Gesellschaften meiden, in denen wir um unserer Zugehörigkeit zum Judenthum willen mit scheelen Augen angesehen werden, das gebietet uns unser Ehrgefühl, dasselbe Ehrgefühl, das uns unsere Gegner in dem gleichen Athemzuge absprechen, in welchem sie unsere übertriebene Empfindlichkeit geißeln.' Aber noch giebt es eine ganze Reihe von unbefangenen, vorurtheilsfreien Personen unter unseren christlichen Mitbürgern,