Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 3 (März 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-03-01
- Page
- 140 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316663-2316667--06503-2325707- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
140 3m deutschen Reich. künftig zum Theil berufen ist, im RichteramL und in der Verwaltung zu wirken und sich danach nicht scheuen würde, offene Gesetzesverletzung und schnöden Verfaffungsbruch zu empfehlen, nur um fähige Mitbewerber los zu werden. Diese Wahrnehmung allein müßte Herrn DiLtmar belehren, was er als berufener Wächter von Recht und Gerechtigkeit ungerichtet hat, wenn ihn nicht schon das Urtheil reifer Männer stutzig gemacht hätte. Daß ein Vertreter deS katholischen Centrums, der Reichstags, und Landtagsabgeordnete Dr. Schmitt-Mainz, dem hessischen Ministerium gegenüber die verfaffungsmäßigen Rechte der Juden vertrat und schon in der Sitzung am 16. Februar im voraus ankündigte, daß demnächst in einer motivierten Eingabe an den Landtag über die NichtanstellungderJuden im Richterstand Beschwerde geführt werden würde, hat natürlich die Antisemiten zur Wuth gereizt. Der Herausgeber des „Deutschen General-Anzeigers", Karl Sedlatzek, betont, daß er Katholik sei und auL streng katholischer Familie stamme, daß es ihm aber an parlamentarischen Worten fehle, dem Empfinden über eine solche Handlungsweise Ausdruck zu geben. Das Centrum sei aber solidarisch haftbar für diesen Verrath und deshalb auf dem besten Wege, jeglichen Anspruch auf Achtung zu verlieren. Ob dem Centrum an der Achtung des Herrn Sedlatzek sehr viel gelegen ist, entzieht sich unserer Beurtheilung; eS läßt sich aber annehmen, daß diese große und einflußreiche Partei sich durch solche Drohungen nicht schrecken läßt und viel zu zielbewußt ist, um sich von antisemitischen Wühlern nasführen zu laffen. Das Berliner Organ des Centrums, die „Germania", welche lange genug mit der agrarischen „Deutschen Tages-Zeitung" und der antisemitischen „Staatsbürger-Zeitung" an einem Strange gezogen hat, ist dieser seltsamen Gen offen offenbar endlich überdrüssig geworden. Sie unterzieht die angebliche Mittelstandspolitik der Antisemiten und des Bundes der Landwirthe einer scharfen Kritik und sagt: „Die politische Erniedrigung des Mittelstandes sucht die neue Gemeindewahlrechts- Novelle zu Gunsten der städtischen Plutokratie und der ländlichen Alleinherrschaft großmögender Besitzer thunlichst aufrecht zu erhalten. Wo bleibt da die Mittelstandspolitik? Und wo bleiben die Antisemiten, die sich so gern als die einzigen und wahren Vertreter des Mittel st ander aufspielen mochten? Die „StaatSb.- Zeitung" schweigt, und die »Deutsche Tages-Zeitung" schweigt. Sie scheinen gar nicht zu empfinden, wie sehr der Rheinbaben'sche Gesetzentwurf gerade für eine Mittelstandspolitik nichts anderes als einen