Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-02-01
- Page
- 81 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau. 81 einer halben Million deutscher Juden auch eine weit kleinere Antifemitenschaar zu ertragen, die es allerdings versteht, durch wüsten Lärm über ihre geringe Anzahl zu täuschen. Immer gelingt ihr dies auch nicht, und dann giebt es einen „Mißerfolg der deutsch-sozialen Reformpartei", -ei welchem diese in allen Fugen kracht und die Mitglieder der anderen politischen Parteien sich über die antisemitischen Großsprecher ergötzen. Dazu hat neuerdings die antisemitische Begeisterung für Heringszölle und für eine zu Gunsten der russisch-französischen Koalition zu entwickelnde, gegen England gerichtete auswärtige Politik reichlichen Anlaß gegeben. Nachdem die Mehrheit des Reichstages in der Erklärung des Staatssekretärs von Bülow alles erlangt hatte, waS ihr patriotisches Gefühl forderte, fanden sich nur 22 Mitglieder des Reichstages veranlaßt, für den Antrag Liebermann auf -eine weitere Besprechung der Interpellation zu stimmen. „Mit Lachen," so äußerte sich die antisemitische Deutsche Wacht" in einem „Die Selbstentmannung des Reichstages" überschriebenen Artikel, „sind die Vertreter des deutschen Volkes über diese Angelegenheit hinweggegangen." Die in der Offenbacher Zeitungsfabrik „Hirschel & Wolfs" hergeftellten Antrsemrtenblätter schimpften in einem „Ein Bedienten-Parlament" betitelten Artikel über die „Eunuchen", welche sich gefürchtet hätten, die „Großmutterpolitik zu stören", knüpften daran einen Bericht über die von dem Abg. Liebermann bei der Berathung des Reichskanzler-Gehalts gehaltene Rede und schalteten bei einer der vielen „Heiterkeits-Parenthesen" die redaktionelle Bemerkung ein: „Lachen rechts — wohlgemerkt: rechts!" Hatte schon die Geschäftsroutine, mit welcher die Antisemiten die natürlichen Sympathien weiter Volkskreise für die heldenmüthige Vaterlandsvertheidigung der Buren für ihre Parteizwecke auszunutzen versucht haben, die übrigen politischen Parteien angewidert, so hat diese noch mehr die Gleichgiltigkeit verletzt, mit welcher die Reformer trotz der loyalen Erklärungen des Auswärtigen Amtes das leichtfertige Streben fortsetzen, die deutsche auswärtige Politik auf gefährliche Wege zu leiten, so daß selbst die scharf antisemitisch angehauchte „Post" dadurch zu dem Ausruf „OLscüto moniti!“ veranlaßt wurde. Die Reformer scheuen sich auch gar nicht, bei jeder Gelegenheit zu bekunden, daß ihnen „das Vaterland nicht über die Partei geht", für welche sie überall Prosit zu machen suchen. Mit cynischer Offenheit schrieb die „Deutsche Wacht" über die Stellungnahme der Antisemiten zur Flottenvorlage: „Noch läßt sich die Gliederung der Parteien nicht übersehen, aber nicht ausgeschloffen scheint es, daß die