Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-02-01
- Page
- 80 (sequence 5)
- Language
- German
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80 3m deutschen Reich. Wenn der Liberalismus nicht augenblicklich durch kleinliche Fraktions- Streitigkeiten zerklüftet wäre und nicht manchen sonst tüchtigen freisinnigen Volksmann eine Gänsehaut, bei dem Gedanken überliefe, man könnte ihn, wenn er für fteiheitliche Errungenschaften einträte, für einen „Judenknecht" halten, dann müßte das antisemitische Wagniß weithin stürmische Proteste wachrufen! Wenn die Gleichheit aller Preußen angegriffen wird, dann ist wahrlich auch die ganze bürgen liche Freiheit nicht mehr unantastbar. Die Antisemiten sind bewußt oder unbewußt Knechte, die uns zu Knechten machen wollen, und zwar nicht nur den jüdischen Bruchtheil des deutschen Volkes, sondern das ganze Volk, indem sie als Schildknappen der Reaktion daffelbe systematisch zu mittelalterlichen Anschauungen zurückzuleiten streben. Nachdem die „Staatsbürger-Ztg." den traurigen Muth bewiesen, am Anfang des 20. Jahrhunderts den Bruch der preußischen Verfassung durch Aufhebung der Gleichberechtigung der Juden zu verlangen, leistet sie sich auch noch das Vergnügen, aus einer ihre V e r - urtheilung wegen Aufreizung „verschiedener Bevölkerungsklassen" bestätigenden Reichsgerichtsentscheidung „einen angeblichen Mißerfolg des Central-Vereins" zu machen oder richtiger in dieselbe die große Neuigkeit hineinzulegen, „daß die deutschen tzuden keine Deutschen sind". Goethe sagt bekanntlich: „Im AuSlegen seid Ihr munter; legt Ihr nicht auS, so legt Ihr unter!" In dem Reichsgerichts-Erkenntniß vom 10. November v» I. heißt es nämlich: „Es ist auch nicht rechtsirrig, wenn das Gericht die Juden als eine Klasse der Bevölkerung im Sinne des Z 130 des Strafgesetzbuchs ansieht, weil sie sich von den übrigen deutschen Staatsbürgern durch ihre Religion und Abstammung unterscheiden . . . Wenn von den übrigen deutschen Staatsbürgern gesprochen wird, so folgt aber daraus, daß auch die Juden deutsche Staatsbürger sind! Der Parteigenosse der „Staatsbürger-Ztg." Herr Karl Sedlatzek aus Gleiwitz unterscheidet sich z. B. sicher durch seine polnische Abstammung und seine katholische Konfession von Herrn Dr. Otto Bachler, er würde sich aber doch beleidigt fühlen, wenn dieser ihm deshalb sein Deutschthum streitig machen wollte. Jeder deutsche Jude wird dem Central-Verein dafür dankbar sein, daß er Anlaß zu einer Reichsgerichtsentscheidung gab, welche feststellt, daß er durch Religion und Abstammung davor geschützt ist, mit diesen Herren zu einer und derselben Klasse der deutschen Bevölkerung gerechnet zu werden; aber' schließlich haben wir mit ihnen doch ein Vaterland, das glücklicher Weise groß und schön genug ist, um neben