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Im deutschen Reich · 1900-02-01 · Heft 2 (Februar 1900) · p. 79

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 2 (Februar 1900)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1900-02-01
Page
79 (sequence 4)
Language
German
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Umschau. 79 so viel Respekt eingeflößt wie die preußische Verfassung, deren Bruch durch Aufhebung der Emanzipation auch die „Staatsbürger-Ztg." zu fordern wagt, wobei sie dieses frevelhafte Verlangen am 31. Januar mit folgenden kühnen Sätzen begründet: „Die Juden haben sich durchaus nicht veranlaßt gefühlt, ihre Pflichten als Staatsbürger zu erfüllen und das Staatswesen nach jeder Richtung zu fördern, sondern sie fahren fort, einen Staat im Staate zu bilden, sie sind für den Staat lediglich das geblieben, was sie für jedes Gemeinwesen sind, in dem sie sich aufhalten, ein „Ferment der Dekomposition", ja sie sind es in erhöhtem Maße geworden durch die größere Bewegungsfreiheit, die ihnen die Emanzipation gab, und durch die Macht, die sie nur zu bald an sich zu reißen wußten." Jedem Unbefangenen müßten eigentlich diese Ausführungen lächerlich erscheinen, denn bekanntlich reicht diese angeblich durch die Emanzipation den Juden gegebene Macht bisher nicht einmal aus, um einen Juden in Preußen zum Leutnant zu machen. Wenn die Juden nicht noch mehr, als dies bisher geschehen, in der übrigen Bevölkerung aufgegangen sind, so hat diejenige Partei, welche seit Jahren alle Hebel in Bewegung setzt, um die Juden wieder in's Ghetto zu sperren, am wenigsten daS Recht zu dem Vorwurf, daß sie einen Staat im Staate bilden» Hätten die preußischen Juden die angeblich ihnen gewährte größere Bewegungsfreiheit, so wäre es für das Gemeinwesen sicher kein Nachtheil. Als der freisinnige greise Professor Mommsen, der intimste Freund Bainborger's, einst die Juden ein „Ferment der Dekomposition" nannte, hat er sicher nicht geahnt, daß die gedankenarmen Antisemiten mit dieser nicht in ihrem Sinne gemeinten Aeußerung Jahre hindurch hausieren würden. Mit Recht oder mit Unrecht — das mag dahingestellt sein — hält Mommsen die deutschen Juden für einen „Sauerteig der Gesammtbevölkerung" und die „Dekomposition" als etwas Wünschenswerthes, weil sie nichts weiter ist, als die endliche Zerstörung bereits morsch gewordener Zustände. Zum Eideshelfer der Antisemiten eignet sich der greise Gelehrte, der am Sarge Bamberger's dessen echtdeutsche Gesinnung emporhob, sicher nicht.—Wenn dieselben den Muth haben, einen Verfasiungsbruch anzuregen, so rechnen sie auch auf ganz andere Helfer, welche sie in den Kreisen zu finden hoffen, denen seiner Zeit die verfaffungsmaßige Feststellung, daß alle Preußen vor dem Gesetze gleich sind und Standesvorrechte nicht stattsinden, unwillkommen war. Vom Haß verblendet, machen sich die Antisemiten gern zu Schildknappen jener Kreise und sind bereit, ihre eigene bürgerliche Freiheit für das Linsengericht einer kleinen Judenhetze zu verkaufen.

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