Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1900)
- Article
- Dr. G. Stille [Rezension]
- Date
- 1900-01-01
- Page
- 50 (sequence 3)
- Language
- German
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50 3m deutschen Reich. daß man ihm „nicht die Benutzung einseitig antisemitisch gefärbter Quellen wird nachsagen können". Nur seine Leser, die ihm alles nachsagen, waS er ihnen vorsagt, werden ihm das nicht nachsagen wollen. Ebenso unglimpflich wie mit den Judey verfährt der Verfasser mit den christlichen Stadtverordneten, die für jenen Antrag eingetreten sind. Es erregt in uns mehr Mitleid als Zorn, wenn der Verfasser dem Stadtverordneten-Vorsteher Dr. Langerhans geringes „Beobachtung^ und Urteilsvermögen" vorwirft, weil er anders urtheilt und sich nicht die Antisemitenbrille aufsetzen will, oder wenn der Verfasier annimmt, der genannte Herr sage etwas, ohne davon überzeugt zu sein. Ueberzeugungstreue und Wahrheitsliebe lernt und übt man wohl nur, wenn man zu den Füßen eines Stöcker, Ahlwardt, Grasen Pückler und ihrer Genossen gesessen und auf die Worte der Meister geschworen hat? Ja wer könnte so reich an Wissen und in die Geheimnisse antisemitischer Forschung so tief eingedrungen sein wie der Verfasier, der Vor- und Familienname jenes jüdischen Knaben kennt, durch den eine ganze „reindeutsche Schulklasse" sich das Mauscheln angewöhnt hat! Wir wollen das Ergebniß so sorgfältiger Forschung unfern Lesern nicht vorenthalten. „Der Knabe hieß Isidor Cohn". Ich glaube und wohl viele mit mir, in antisemitischen Schriften wird so viel gemauschelt, daß die Herren Antisemiten sammt und sonders begabte und für das Mauscheln besonders beanlagte Mitschüler jenes Isidor Cohn gewesen sein müsien. Wunderbar erscheint es dagegen, daß Herr Pretzel sich so intakt erhalten hat, obwohl er doch so viel mit Juden und „Judengenossen" Zusammenarbeiten und so viel von ihnen hören muß, ohne sich die Ohren verstopfen zu dürfen. Machen ihn die Jahre immun? Wie dem auch sei, er ist der einzige Stadtverordnete, der vor dem Richterstuhle Stilles Gnade und Anerkennung findet; wer ihm das nicht gönnt, soll dessen auch nicht werth sein! Wir gönnen eS ihm. Wir gönnen es ihm auch, daß er in Herrn Sülle einen Genossen findet in dem Schutz der „wehrlosen, beschimpften Damen", zu dem sogar der Beistand der Regierung angerufen wird. Die armen, wehrlosen Damen, die jüdische Schülerinnen zwar aufnehmen, aber nur dann für unschädlich halten, wenn sie an dem christlichen Religionsunterrichte ihrer Anstalt theilnehmen, und die damit Herrn Sülle den Beweis geliefert haben, daß sie aus rein kulturellen, nicht aber aus religiösen Motiven jüdische Schülerinnen von ihrer Schule fernhalten wollen. Die wehrlosen Damen, die in den Augen des Herrn Sülle sicherlich auf dem Rückzuge begriffen scheinen, wenn sie zuerst jüdische Schülerinnen in