Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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38 Im deutschen Reich. die mit dem Urtext nichts gemein haben. Das hohe Lied Salomonis, welches dem Dichter Paul Heyse den Stoff zu einer wirksamen Bühnendichtung lieferte, scheine ursprünglich selbst ein dramatisches Gedicht gewesen zu sein. Um dies zu beweisen, habe ein verstorbener Freund des Vortragenden, Friedrich, nach einem gründlichen Studium deS hebräischen Urtextes die einzelnen Strophen den im Liede genannten Personen in den Mund gelegt und gesunden, daß dann das Gedicht wohl aufführungssähig gewesen sein konnte. Der Redner trug Bruchstücke aus dieser „Sulamith-Dichtung" vor und schloß dann mit einem nochmaligen Hinweis auf den reichen Schatz, den die oltbiblischen Stoffe für den dramatischen Dichter darbieten. Der Vorsitzende bemerkte hierauf, daß oft behauptet werde, das Judenthum habe die Kunst nicht gefördert und den Künstlern keine Anregung geboten. Der Herr Vortragende habe aber bezüglich der dramatischen Kunst in dankenswerther Weise nachgewiesen, daß eine wahre Fülle von Stoffen von der jüdischen Geschichte herrühre. Der hochgeschätzte Redner habe sowohl als Dichter wie als Richter stets eine vorurtheilslose Gesinnung bethätigt, von derselben in seinen kürzlich erschienenen Memoiren „Richter und Dichter" erneute Proben geliefert und dadurch zu vielen andern wohlverdienten äußeren Ehren auch die Ehre erworben, von der gesammten antisemitischen Presse heftig angegriffen zu werden. „Wir aber sind ihm herzlich dankbar und bekunden dieses Dankgefühl und unsere Verehrung durch Erheben von unfern Sitzen." Unter lebhaften Beifallskundgebungen folgte die zahlreiche Versammlung dieser Aufforderung. Nach kurzer Pause ging dann der Herr Vorsitzende zu den üblichen geschäftlichen Mittheilungen über und widmete dem kürzlich dahingeschiedenen Mitbegründer des Central-Dereins, Kommerzienrath Julius Jsaac, und den vielfach verdienten, treuen Mitgliedern Albert Philipp Meyer und Abraham Avolf Ruß ehrende Nachrufe. Er berichtete, daß der Central- Vrrein in Berlin allmn kürzlich 300 neue Mitglieder gewonnen habe, auch von auswärts wieder viele neue Anmeldungen eingegangen feien. Herr Dr. O. Wiesenthal, welcher im Dezember in einer Central- Bereins-Versammlung zu Liegnitz einen Vortrag gehalten, werde am 20. Januar in einer solchen Versammlung in Görlitz den Vorstand vertreten. Da mit dem Umfang deS Vereins auch die Schwierigkeit der Verwaltung zunehme, habe der Vorstand im Sinne des Vereins zu handeln geglaubt, indem er durch Cooptation des Herrn Professor Dr. Leopold Landau eine neue Kraft gewonnen habe. (Lebhafter Beifall.) Die Thätigkeit des Vereinsei eine erfolgreiche und habe keineswegs