Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-01-01
- Page
- 37 (sequence 1)
- Language
- German
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87 DereirrsrmchrrchLerr. Jie erste allgemeine Central - Vereins - Versammlung im neuen Jahrhundert, welche in dem Hotel Imperial, Berlin SW., Enckeplatz 4/4a, Montag, den 8. Januar abgehalten wurde, war so zahlreich besucht, daß der große Saal bis auf den letzten Platz dicht gefüllt war. Nach einer herzlichen Begrüßung der Erschienenen durch den Vorsitzenden, Herrn Rechtsanwalt Dr. M. H o r w i tz, erhielt Herr Geh. Justizrath E. Wi ch erL das Wort zu einem Vortrage über „Altbiblische Dramen". Der Redner erklärte zunächst, daß eine starke Erkältung ihn beinahe zu einer Absage veranlaßt hätte und daß diese Indisposition noch nicht vorüber sei. Durch diese wurde tatsächlich der hochinteressante Vortrag nur von einem Theil der Versammlung vollständig vernommen und blieb bedauerlicher Weise den im Hintergründe des mächtigen SaaleS Befindlichen nahezu vorenthalten. An einer Reihe von Beispielen wies der Herr Vortragende nach, welche Fülle von. wahrhaft dramatischen Stoffen das Alte Testament enthält und wie daffelbe vielen bedeutenden Dichtern Anregung zu wunderbaren, gedankentiefen Schöpfungen geboten hat. Dabei zeigte der Redner, den schlichten, biblischen Text mit dem Gedankengange der dichterischen Bearbeitungen vergleichend, wie daS moderne Empfinden die klassisch-naiven uralten Erzählungen umwandelte, um sie unS naher zu bringen, und sie künstlerisch ausschmückte, um sie dramatisch wirksam zu machen. Was Lord Byron in die tiefsinnige Tragödie „Kain" hineingeheimnißt, was in der Mähul'schen Oper „Joseph in Egypten" wieder und wieder in Wort und Ton kindlichsüß und rührend wirkt, was in Alfted Meißner'S Drama „DaS Weib deS UriaS" spannt, ergreift und mitunter auch befremdet, was in den „Makkabäern" von O. Ludwig begeistert und erschüttert, wurde dabei hervorgehoben. Der Vortragende wies ferner nach, wie verschiedenartig der ergiebige Dramenstoff „Esther" verarbeitet worden ist: von Goethe satirisch-heiter im „Jahrmarkt von Plundersweilen", von Racine höfisch mit Anspielungen auf LouvoiS und die Montespan, und in Grillparzers „Fragment" als Jntriguenstück, wie in Hebbel'S poetischem Meisterwerk „Judith" nicht nur die Begebenheiten von der ursprünglichen Erzählung sehr abweichen, sondern auch über Wesen und Bestimmung deS Weibes, Gedanken und Empfindungen kundgegeben sind.