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Im deutschen Reich · 1900-01-01 · Heft 1 (Januar 1900) · p. 21

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 1 (Januar 1900)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1900-01-01
Page
21 (sequence 9)
Language
German
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Umschau. 21 Obduktion und sachgemäße Beschreibung der Leiche hätte den Aberglauben im Falle Polna gar nicht aufkommen lasten!" — Anscheinend ist der oberste Gerichtshof in Wien derselben Meinung, da er die Gutachten der Polnaer GerichtSärzte im Prozeß gegenLeopoldHilsner> die seiner Zeit so unliebsames Aufsehen erregten und scharfePolemiken heraufbeschworen, der Prager medizinischen Fakultät zurUeber- Prüfung überwiesen hat. Die antisemitischen Hetzer versuchten es inzwischen, einen neuen Ritualmordfall in Böhmen zu konstruieren. Die 19 Jahr alte, nach Opocno zuständige Dienstmagd 'Marie Cervinka, welche bei dem jüdischen Papierhändler Emanuel Kohn in Nachod bedienstet war, wurde feit dem 21. Dezember v. I. vermißt. Dieselbe hatte mit dem Rauchfangkehrergehilfen Carl Hrdlicka «in Liebesverhältniß unterhalten und mehrmals geäußert, sie werde -freiwillig in den Tod gehen, wenn ihr Liebhaber ihr untreu werden sollte. Trotzdem wurde von antisemitischen Agitatoren die Bevölkerung durch das Märchen aufgehetzt, daß die Magd das Opfer eines Ritualmordes geworden sei. Dadurch wurde große Aufregung hervorgerufen, und der Dienstgeber der verschwundenen Magd und andere Juden IllachodS sahen sich ernstlich bedroht. Zahlreiche czechische Arbeiter, die eine drohende Haltung gegen die Juden einnahmen, wurden von Äer Polizei und Gendarmerie zerstreut. Am 10. Januar ist aber die unverletzte Leiche der Cervinka in dem Fluß Mettau bei Nachod aufgefunden und der Selbstmord erwiesen, der verhaftete Dienstherr freigelassen,.- der Zeuge, auf besten Anzeige hin die Verhaftung erfolgte, aber verhaftet worden. Es ist erfteulich, daß die antisemitische Lüge in diesem Falle so schnell aufgedeckt worden ist. Ein Seitenstück zum Kuttenberger Prozeß scheint sich kürzlich in der französischen Hauptstadt abgespielt zu haben. AuS Anlaß einer anarchistischen Kundgebung am 20. August v. I. gegen die Nationalisten und Klerikalen war dort ein Trupp der Manifestanten in die Kirche St. Joseph eingedrungen und hatte dort wüste Zerstörungen und Plünderungen vorgenommen. Von den vielen verhafteten Personen waren b^lreisten wieder freigelasten worden, und nur 11 junge Burschen hatten sich neuerdings vor dem Pariser Schwurgericht wegen Theilnahme an den Ausschreitungen zu verantworten. Allgemein hielt man die Angeklagten nicht für die wahren Schuldigen, sondern nur für unvorsichtige Zuschauer jenes Einbruchs. Desto verblüffender wirkte die Rede des Staatsanwalts Bonner, der zu Gunstm von vier der Angeklagten die Anklage fallen ließ und die unerbittlich

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