Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1900)
- Article
- Carl Gottlieb Hauptmann
- Date
- 1900-01-01
- Page
- 9 (sequence 3)
- Language
- German
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<£arl Gottlieb Hauxtmann. S wohl hat er sich durch das Weberhandwerk mit Mühe und Fleiß bescheiden und anspruchslos durch das Leben geschlagen. Wer jede Gelegenheit nahm er wahr, sich weiter zu bilden, und da man in ihm einen Mann mit Hellem Kopfe und sicherem Verstände erkannte, fehlte es dem schlichten Weber auch nicht an bildendem Umgang und geistig fördernder Geselligkeit. Aber Hauptmann war nicht der Mann, der gedankenlos bei seiner Arbeit vegetieren konnte, oder seine Mußestunden mit Zapsenrunden vergeuden mochte. Alles, was jedem fühlendm und denkenden Menschen wichtig erscheint, das hat auch ihn stets zu ernstem Nachdenken angeregt, und in schlichten Versen suchte er seinen Gedanken Ausdruck zu leihen. So sind seine Gedichte nicht nur Produkte seines Geistes, sondern auch Ergüsse seines Herzens geworden. Er besingt seine Heimath, er giebt der Freude Ausdruck, daß auch ihm ein Strahl der Poesie gelächelt, er feiert die Freuden edler Geselligkeit, er tobt die Ehrlichkeit, er schildert das Wesen der Liebe, er rühmt den Werth der Bildung, er philosophiert in seiner schlichten Weise über Religion und Unsterblichkeit und richtet an die Zweifler eine Mahnung, das Walten der Natur anzuerkennen. Die Erscheinungen im Naturleben, der Wechsel der Jahreszeiten, der Schluß des Jahres — alle diese Anlässe bieten ihm Gelegenheit zu sinnigen Betrachtungen, denen er in schlichter Vers form Ausdruck verleiht. Und selbst unter mannigfaltigen Sorgen und Widerwärtigkeiten des Lebens hat er die Gabe, die ihm die Natur verliehen, gepflegt; ja, er fühlte sich verpflichtet, dies Talent zu hegen, eingedenk des Bibelspruches: „Wem der Herr etwas gegeben, von dem wird er auch etwas fordern." Es ist dem armen Weber oft nicht leicht geworden, seiner Muse dienen zu können. Die Verhältnisse waren stets bedrängt, Zeit und Muße waren stets knapp bemessen. Die meisten von Hauptmann's Gedichten sind hinter dem Webstuhl oder in Gottes freier Natur auf dem kurzen Erholungsspaziergange oder dem Weg zur Arbeit entstanden. Wochenlang hat er sie zuweilen mit sich im Kopfe herumtragen müssen, ehe er nur die Zeit finden konnte, sie niederzuschkeiben. Doch Hauptmann war mit einem guten Gedächtniß begabt, so daß er wohl jahrelang seine Poesieen hätte im Kopfe herumtragen können.