Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1899)
- Article
- Ein Stück Mittelalter am Ende des 19. Jahrhunderts
- Date
- 1899-12-01
- Page
- 645 (sequence 5)
- Language
- German
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Ein Stück Mittelalter am Ende des Jahrhunderts. 645 haben, fei bereits eine Frauensperson, als diese den ominösen Juden gesehen habe, Hilfe und Brand schreiend, in das gegenüber liegende Haus des Auktionators Stratmann geflüchtet. Sofort ging ich zu Herrn Stratmann, dem das Gerücht wie allen hiesigen Bewohnern zu Ohren gekommen war, der jedoch selbstredend diesen erdichteten Fall nicht kannte. Mit diesem Material ausgestattet, wollte ich zum Amte, als Herr Gärtner Funken mir noch berichtete, der Schneider Wilh. Gehring hier, der, nebenbei bemerkt, auch mein Schneider ist, habe in der Wirthschast Witte, vormals Lippold, den Fall für verbürgt erzählt. Nunmehr ging ich zu dem Herrn Amtmann Graßhof, der noch nichts davon gehört hatte, höchst erstaunt und über das Verbreiten des Gerüchtes empört war. Ich bat ihn, 300 von mir anzunehmen, welche für die Ausfindigmachung des Verbreiters ausgesetzt werden sollten, und ersuchte ihn auch, in amtlicher Form eine Bekanntmachung zu erlassen, die ich bezahlen wollte. Der Herr Amtmann wollte, daß die Bekänntmachung von meiner Firma veröffentlicht werden solle, was ich ablehnte, damit die Angelegenheit nicht den Eindruck erwecken sollte, als wolle ich sie zur Geschäftsreklame verwenden. Ich sagte dem Herrn Amtmann Graßhof, daß, wenn er sich für unzuständig erkläre, in die Sache einzugreifrn, ich sie dem Landrath, Herrn Grafen Korf- Schmiesing zu Thatenhausen, unterbreiten würde, was dem Herrn Amtmann recht war. Auf mein Telegramm an das Landrathsamt in Halle erhielt ich direkte Nachricht, daß der Herr Graf mich auf seinem Schlöffe zu Thatenhausen um 4 Uhr Nachmittags empfangen wolle. Ich fuhr mit meinem Gespann hin, wurde in liebenswürdigster Weise empfangen, theilte dem Herrn Grafen den ganzen Vorfall mit und bemerkte, daß wir noch nie den Schutz der Behörde nachgesucht hätten, obgleich Ende der 80er und im Anfang der 90er Jahre uns Hammerstein, Lemp, Stöcker, Danneil u. f. w. auf den Hals geschickt worden seien. Jetzt wolle man uns nicht nur geschäftlich vernichten, sondern auch unseren tadellosen Ruf antasten. Nur dies letztere sei es, wogegen ich mich zu schützen bitte. Mit den schärfsten Worten, als „Skandal für die Gegend" und noch viel drastischer, drückte der Herr seinen Unmuth aus. Auf meinen Wunsch gab er sofort die Erlaubniß, daß die Polizeibehörde die Bekanntmachung in ihrem Namen erlasien solle.