Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1899)
- Article
- Ein Stück Mittelalter am Ende des 19. Jahrhunderts
- Date
- 1899-12-01
- Page
- 644 (sequence 4)
- Language
- German
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644 3m deutschen Reich. Bielefeld. Durch die Liebenswürdigkeit meines Nachbarn, der Postverwalters Berghane, erhielt ich die Antwort noch um 9 Uhr. Herr B. hatte die Geschichte bereits am Biertische gehört, aber zu albem gefunden, um mir davon zu berichten. Mein Bruder ging zu Herrn Stadtverordneten - Vorsteher Richter, der von der Sache nichts wußte und wie aus allen Himmeln gefallen war, so etwas zu hören. Am Bußtage fuhr ich mit der Frühpost um 5y4 Uhr zu Herrn Justizrath. Auf dem Bahnhofe Borgholzhausen befragte ich den Postillon Carl Rahe, der auch von der Geschichte gehört hatte, doch in anderer Lesart. Wir hätten in unserem Laden eine Klippe (Ausdruck für Klappe, Fallthüre), durch die jemand bei dem Darauftreten fiele und dann von dem dahinter versteckten Juden geschlachtet würde. Dieses ganze Material unterbreitete ich dem Herrn Justizrath, der sehr lebhaftes Interesse zeigte und trotz des Feiertages mehrere Doppelbogen selbst aufschrieb, um solche schleunigst der Staatsanwaltschaft einzureichen. Mir lag sehr daran, daß von der Behörde rasch eingeschritten werde. Der Herr Justizrath glaubte, es sei vielleicht möglich, die Verwaltungsbehörde dafür zu interessieren, was ich denn auch that. Ich will hier nicht unterlassen, mitzutheilen, daß unser Geschäft in letzter Zeit flauer ging, was wir jedoch der Witterung zugeschrieben hatten. Jetzt warm uns aber die Augen geöffnet. Bei der Nachrechnung stellte sich eine bedeutende Mindereinnahme gegen den November des vorigen Jahres heraus; auch konnten wir feststellen, daß wirklich in letzter Zeit sehr wenige Kinder und Frauen zu uns gekommen waren und daß es nach 8 Uhr fast nichts mehr zu thun gegeben hatte. Es sei mir gestattet, hierbei zu bemerken, daß wir hier das größte gemischte WaarenhauS am Platze haben, aber nie inserieren, auch keine schreierische Reklame machen, sondern unsere Kunden durch strengste Reellität heranzuziehen wissen. Auf der Heimreise hörte ich noch durch die Postpassagiere von der großen Verbreitung des Gerüchts. Ich ging zu Herrn Rektor Kuntz und bat denselben, den ihm bereits bekannten Fall doch gefälligst in der Schule aufzuklären. Dann hörte ich von dem Sohne des Bäckermeisters Feldmann, es sei ihm erzählt worden, aus unserem Keller, wo wir irdene Maaren zum Verkauf liegen