Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1899-12-01 · Heft 12 (Dezember 1899) · p. 643

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 12 (Dezember 1899)
Article
Ein Stück Mittelalter am Ende des 19. Jahrhunderts
Date
1899-12-01
Page
643 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2316602-2316650-2316662-2325091--06089-2325181
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Lin Stück Mittelster am Ende des Jahrhunderts. 643 und belästigt. Von einem Schneidermeister Albrecht Loth aus Peckeloth bei . Versmold erfuhr ich, daß seine Tochter und seine Schwiegertochter auf dem Wege von Borgholzhausen Bahnhof hierher angefallen worden seien. Besagter Herr erzählte mir, seine Kinder seien nur dadurch, daß die Tochter das Pferd stark angetrieben, vor Ueblerem bewahrt worden. Frauen und Kinder in unserer Gegend wurden durch solche Vorkommnisse ängstlich gemacht und die ganze Bevölkemng beunruhigt. Unser Arbeiter, Friedrich Westermann, mußte am Dienstag, den 21. November, verkaufte Waare nach Aschendorf bei Bad Rothenfelde bringen und wurde nachmittags zur Bahn zum Abfahren und Fortschaffen von Waaren nach Station Borgholzhausen geschickt. Von dort kehrte er gegen 7 Uhr zurück. Nun fiel es meinem Bruder auf, daß W., als ob er etwas suche, im Hofe umherleuchtete. Da mein Bruder an die angezrigten Ueberfälle dachte, -fragte er den W., ob er ängstlich, bezw. ob ihm auf der Fahrt etwas passiert sei? Nun erzählte W. Folgendes: Als ich heute Morgen in Aschendors nach dem Wege forschte, fragte mich die Köttersfrau Niebrügge, ob unser Geschäft überhaupt noch Waare verkaufe und ob denn noch Leute zu uns kämen. W., der schon von einem Gerücht gehört, es aber zu lächerlich gefunden hatte, um es seinem Herrn mitzutheilen, sagte in seiner einfach schlichten Art zu der Frau, es sei lauter Schwindel und fuhr weiter. In Borgholzhausen hatte ihm auch der Stationsvorsteher Rinne, in Gegenwart des hiesigen Bäckers Heinrich Schlotte, von nachstehendem Gerücht gesagt: Es säße in unserm Keller ein Jude mit langem schwarzen Barte und Brille, der mit einem langen Messer bewaffnet sei, um einen Christen zu schlachten, durch dessen Blut der Weiterbau der Synagoge gefördert werden solle. Er (W.) solle sich nur in Acht nehmen, daß man ihn nicht bei den Ohren kriege. Daß wir die Waare absahren ließen, hätte jetzt keinen Zweck mehr, da wir doch nichts mehr los würden, und Frauen und Kinder zu ängstlich seien, besonders am Abend, zu uns zu kommen. In begreiflicher Aufregung theilte mein Bruder mir diese Erzählung direkt mit, und wir waren sofort entschlossen, energisch vorzugehen. Unser Hauspersonal, Dienstmädchen, Arbeitsfrau, wurden deshalb gefragt; sie wußten hiervon, und unserem Mädchen war gerathen worden, doch sofort wegzugehen. Nun ging ich zur Post und telegraphierte um 8 Uhr an Herrn Justizrath Bock in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.