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Im deutschen Reich · 1899-12-01 · Heft 12 (Dezember 1899) · p. 642

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 12 (Dezember 1899)
Article
Ein Stück Mittelalter am Ende des 19. Jahrhunderts
Date
1899-12-01
Page
642 (sequence 2)
Language
German
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642 2m deutschen Reich. An die dunkeln Zeiten des Mittelalters, in welchem Bosheit und Dummheit im Bunde das Lebensglück so vieler unschuldiger Menschen vernichtete oder mindestens bedrohte, mahnt eine Begebenheit, die sich erst kürzlich in Westfalen zugetragen und nur deshalb keine traurigen Folgen gezeitigt hat, weil der zunächst Betroffene Energie genug besaß, sofort in richtiger Weise Abwehr zu üben, und ehrenwerthe Männer fand, welche sich nicht dazu erniedrigten, dem Werke der Bosheit Vorschub zu leisten. In Versmold, einem kleinen Städtchen in dem westfälischen Kreise Halle, bauen die Juden eine Synagoge, wozu der Amtmann irrthümlich aus eigener Machtvollkommenheit die Erlaubniß ertheilt hatte, während die Erlaubniß zur Errichtung öffentlicher Gebäude von der Königlichen Regierung zu ertheilen ist. Die Folge dieses Versehens war, daß der Bau zeitweilig unterbrochen werden mußte und erst nach dem Eintreffen der nachträglich eingeforderten Erlaubniß fortgesetzt werden konnte. Während der zeitweiligen Unterbrechung wurde von unbekannter Seite die blödsinnige Behauptung verbreitet, die Juden könnten die Synagoge nicht weiter bauen, weil dazu Christenb l u t n öt h ig sei. Daß ein solcher Unsinn zeitweilig Glauben finden, daß die Absicht der böswilligen Urheber und Verbreiter des tollen Gerüchts vorübergehend erreicht werden konnte, dem allgemein geachteten jüdischen Besitzer eines größeren Waarenhauses großen geschäftlichen Schaden zuzufügen, ist tief beschämend. Erfreulich ist dabei immerhin, daß der Frevel keine schlimmeren Folgen hatte, weil selbst die vom Wahne Bethörten sich nicht zu Gewaltthätigkeiten Hinreißen ließen, sondern von Vernünftigeren rechtzeitig eines Besseren belehrt wurden. Einer der Verbreiter des Gerüchts soll gefaßt sein, so daß Hoffnung vorhanden ist, daß die von allen Beffergesinnten in Versmold aus's schärfste verurtheilte Bosheit nicht unbestraft bleiben wird. Der Verlauf der Angelegenheit ist aber für die Art, wie die Judenfeinde unserer Zeit mittelalterlichen Wahn wieder heraufbeschwören, so charakteristisch, daß wir hier den in seiner Schlichtheit geradezu erschütternden Bericht des zunächst betroffenen Inhabers der Firma Eduard Bergfeld im Wortlaut folgen lassen: „Schon im September d. Js. erzählte man sich hier, auf unserer Landstraße würden junge Mädchen und Frauen angefallen

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