Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 11 (November 1899)
- Article
- Berlin
- Date
- 1899-11-01
- Page
- 607 (sequence 2)
- Language
- German
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Korrespondenzen. 607 Ordnung am schlimmsten gefährdet. Mit sdem Antisemitismus den Umsturz bekämpfen wollen, heißt den Teufel durch Beelzebub austreiben! DaS Kultusministerium hat auf eine Petition der israelitischen Gemeinde in W. (Provinz Hessen-Nassau) mitgetheilt, daß derselben auS seinem Extraordinarium auf Grund allerhöchsten Erlasses vom 13. Mai d. I. zum Neubau ihres Schulhauses eine Staatsbeihilfe von 7600 Mk. gewährt worden ist. Diese Thatsache ist um so erfreulicher, als der gesammte Anschlag für den Neubau 11 500. Mk. betrug, so daß die Staatsbeihilfe sich beinahe auf zwei Drittel der Gesammtkosten beläuft. Noch im Jahre 1896 war die Petition „wegen Mangels an verfügbaren Mitteln" abschlägig beschieden worden. Die Bewilligung der 7500 Mk. ist noch unter der Verwaltung des Kultusministers. Dr. Bosse erfolgt. Um so mehr ist darauf hinzuweisen, daß die kleinen jüdischen Gemeinden sich auch in betreff des Erlasses des Kultusministeriums vom 13. Mai 1899 nicht von vornherein durch die dort gestellten Bedingungen entmuthigen lassen, sondern innerhalb derselben die Staatsunterstützung ihres Religionsunterrichtes mit Muth und Zuversicht betreiben mögen. Endlich sehen sogar die früher selbst antisemitisch angehaucht gewesenen „Grenzboten", wohin der Antisemitismus führt. In Nr. 12 der „Grenzboten" wurde bei einer Besprechung der Dreyfus-Affaire gesagt: „Wenn man mit Recht die antisemitischen Hetzereien auch in Deutschland für ganz besonders geeignet hält, die Massen, selb st die gebildeten, zu verrohen und das Rechtste f ü h l im Volke abzustumpfen und irre zu leiten, so kann man wohl begreifen, daß sich die Generale, wenn sie schuldig sind, jetzt der Antisemiten, und zwar mit gutem Erfolge bedienen, um vor den Masten den Schein des Rechts für sich aufrecht zu erhalten; aber die ganze Abscheulichkeit, di« sie an dem Juden, wenn er unschuldig ist, verübt hätten, bei den Generalen zu erklären, reicht — sollte man meinen — auch der Antisemitismus nicht aus. Schon der Gedanke an die bloße Möglichkeit, daß der Mann unschuldig gemartert werden könne, wie sie sich ihnen in Rennes doch unzweifelhaft aufdrängen mußte, hätte auch den fanatischsten gebildeten Antisemiten, wenn er nicht zugleich ein grundschlechter Kerl war oder aus andern Gründen direkt den Justizmord wollte, zu einem weniger rohen, gehässigen und das Recht mit Füßen tretenden Verhalten zwingen müssen." — „Diese Leidenschaft, mit der die „Affaire" auch in Deutschland behandelt worden ist, ist ein Zeichen für die Verkümmerung des Nechtssinns unter den Gebildeten. Die Parteinahme für die Generale gegen den Juden hat auch unsere Nationalisten zu Rechts-