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Im deutschen Reich · 1899-11-01 · Heft 11 (November 1899) · p. 606

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 11 (November 1899)
Article
Berlin
Date
1899-11-01
Page
606 (sequence 1)
Language
German
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606 Korrespondenzen. H Berlin, 18. November. Unter der Flagge der „parteilosen Bürgerverrinigung" hatte die antisemitische Partei im Verein mit ihren konservativen Hintermännern bei den letzten Stadtverordneten« wählen den seltsamen Versuch gemacht, ihre entschiedensten Parteigänger in das Rothe Haus zu bringen. Dabei mußten sich Männer von so bekannter Parteistellung, wie der „Vater der antisemitischen Bewegung", Hofprediger a. D. Adolf Stöcker sowie der Nechtssreund Karl Sedlatzeks und der „General-Anzeiger"-Abonnenten, Rechtsanwalt Ulrich u. a. m., den Wählern als „parteilose Kandidaten". vorstellen lassen, ein Manöver, bei dem offenbar die Urtheilsfähigkeit der Wähler entschieden zu niedrig veranschlagt war. Nur 369 Stimmen fielen auf den „parteilosen" Antisemiten Adolf Stöcker, während der liberale Kandidat 685, der Sozialdemokrat 1282 Stimmen erhielt. Mit Ausnahme des Rechtsanwalts Ulrich, der in einem Moabiter Bezirk mit einem Sozialdemokraten in die Stichwahl kommt, find deshalb sämmtliche antisemitischen Kandidaten gleich im ersten Wahlgange durchgefallen. Unter den in der dritten Abtheilung insgesamt abgegebenen 46 465 Stimmen befinden fich 26 877 sozialdemokratische, 15 069 liberale und nur 4519 antisemitische, d. h. kaum 10 Prozent! Das leitende Antisemitenblatt gestand darauf ohne weiteres zu, daß der Versuch mit der „parteilosen Bürgervereinigung" gründlich gescheitert sei, meinte aber, daß man bessere Erfolge erzielt haben würde, wenn man den Antisemitismus nicht bei Seite geschoben hätte. Nachdem das Blatt selbst die falsche Flagge der „Parteilosigkeit" aufgehißt, schreibt es xost ksstum: „Man denkt ohne den Antisemitismus weiter zu kommen, und da liegt der Fehler! Diesmal hat nun kein ausgesprochener Antisemit kandidiert (Stöcker, Ulrich u. s. w. keine ausgesprochenen Antisemiten— risum teneatis!); die Antisemiten haben sichvollständigim Hintergründe gehalten; und die Folge? Nun, sie liegt jetzt klar zu Tage! Und die Lehre daraus ist die alte: Nur durch den Antisemitismus ist der Umsturz erfolgreich zn bekämpfen!" — Die Mehrheit der Berliner Bürgerschaft will glücklicher Weise weder von den verschämten noch von den offenen Antisemiten etwas wissen; sie weiß, daß der Äntisemirismus nicht den Umsturz bekämpft, sondern anstrebt, denn überall, wo dir antisemitische Strömung überhand nimmt, ist auch die-staatliche und gesellschaftliche

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