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Im deutschen Reich · 1899-11-01 · Heft 11 (November 1899) · p. 582

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 11 (November 1899)
Article
Spinoza und Goethe
Date
1899-11-01
Page
582 (sequence 6)
Language
German
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582 Im deutschen Reich. Pflanze schon in ihrem Keim vorgebildet sind. „So mußt Du sein; Dir kannst Du nicht entfliehen", heißt es in den orphischen Urworten. Spinoza strebte nach Erkenntniß, nicht weil er es für seine Pflicht hielt, nach Erkenntniß zu streben, sondern weil seine Natur ihn dazu drängte. Und so war auch Goethe sich bewußt, daß seine Leistungen aus seiner Persönlichkeit herausfloffen, dah er bei dem Heroorbringen seiner Schöpfungen sich häufig in einem Zustande befinde, den er selbst als „Dumpfheit" bezeichnete. „Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die P ers ön li ch ke i t"; aus der Persönlichkeit heraus quellen die Leistungen, oder wie Schiller denselben Gedanken faßt: „des Menschen innerer Mikrokosmus ist der tiefe Schacht, aus dem sie (die Thaten und Gedanken) quellen." (Redner ging nun auf das Gedicht Prometheus ein, sowie auf die Erörterungen, die sich zwischen Jacobi, Lessing und Mendelssohn daran knüpften, sowie auf die Beschäftigung, die Goethe gemeinsam mit Frau von Stein Spinoza, dem „heiligen," und seinen Worten, „den Leckerbiffen" widmeten.) Goethe's letzte philosophische Gedanken sind enthalten in den Gedichten, die sich in der Rubrik „Gott und Welt" finden, namentlich in „Proömion", „Weltseele", „Dauer im Wechsel", „Eins und Alles", „Vermächtniß" und „Orphische Urworte". Nicht jedem ist es möglich, sich selbst in philosophische Studien zu vertiefen; ein jeder hat aber das Bedürfniß, sich über gewisse Fragen klar zu werden, die nur die Philosophie zu lösen vermag. In den bezeichneten Gedichten Goethe's werden viele finden, wessen sie bedürfen und was ihnen in Leben und Sterben Trost gewährt. In dem dritten Abschnitt des Proömion heißt es: Daher der Völker löblicher Gebrauch, Daß jeglicher das Beste, was er kennt, Er Gott, ja seinen Gott benennt. Durch diese Worte ist der thörichte Begriff des „Atheismus" aus der Welt geschafft. Irgend ein Bestes kennt jedermann. Es ist ein Zeichen von Unreife, wenn jemand, sich selbst als Atheisten bezeichnet, ein Zeichen von Unvorsichtigkeit, wenn er einen anderen so bezeichnet. Die Römer ließen die Juden und Christen hinrichten, weil sie sie für Atheisten hielten, und doch war der Gottesbegriff der Verfolgten um vieles reiner, als der ihrer Verfolger. So läuft auch heute jemand Gefahr, für einen Atheisten

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