Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 11 (November 1899)
- Article
- Spinoza und Goethe
- Date
- 1899-11-01
- Page
- 581 (sequence 5)
- Language
- German
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Spinoza und Goethe. 581 Goethe hatte flüchtig einige Aeüßerungen von ihm kennen lernen wollen, aber Jacobi hatte ihn studiert und war um diese Zeit vielleicht der beste Kenner Spinoza's. Seine Seele war voll von Spinoza, aber nicht aus Liebe und Verehrung, sondern durch ein Gefühl des Gegensatzes. Er bewunderte Spinoza als einen Denker von seltener Konsequenz, aber er verabscheute ihn als einen Schriftsteller, der auf Irrwege führt. Spinoza hatte durch die Vernunft das Welträthsel lösen wollen, und Jacobi gab" an, daß er diese Aufgabe so glänzend gelöst habe, als sie sich lösen laste. Sie sei aber nicht zu lösen. Wir brauchen neben der Vernunft noch eine zweite Kraft, die man Gefühl, Glauben, Andacht, Gewissen nennen kann, und diese Kraft führt uns zu einem außerweltlichen, persönlichen Gott, den Spinoza nicht hat finden können. Es überrascht auf den ersten Blick, daß Goethe sich für Spinoza so hat begeistern können, wie er es gethan hat. Freilich darf man Goethe nicht für einen Spinozisten halten; ein Spinozist könnte überhaupt nur der sein, in welchem der Trieb nach Erkenntniß alle anderen Triebe ebenso überwiegt, wie bei Spinoza, und ein solcher Mann 'wird vielleicht niemals wieder erstehen. Aber Goethe hat doch zugegeben, daß Spinoza stärker auf ihn gewirkt hat, als ein anderer Philosoph, und noch in seinem Alter hat er Spinoza den Philosophen genannt, dem er am meisten traut. Was Goethe an Spinoza mißfallen mußte, war die mathematische Methode, die er schon bei der Naturwistenschaft mißbilligte und bei Fragen von geistiger Bedeutung gewiß nicht billigen konnte. Was ihm ferner an Spinoza mißfallen mußte, war. daß in seinem System für den Begriff der geschichtlichen Entwickelung kein Raum war, der doch durch Herder Goethe vertraut geworden war. Wir müssen den Punkt suchen, an den Goethe anknüpfte, um sich so ganz in Spinoza's Werke zu versenken, von denen er doch einmal sagt, er wisse sich keine Rechenschaft darüber zu geben, was er aus ihnen gelernt habe. In einer zahmen Xenie sagt Goethe, Spinoza habe ausgesprochen, daß wir un b e w u ß t das Beste leisten; und diese Ansicht vertrete er gegen die meisten anderen Philosophen. Das war in Goethe's Sinn gesprochen. Die Lebensäußerungen des Menschen gehen aus seiner Natur hervor, so wie die Eigenschaften einer