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Im deutschen Reich · 1899-11-01 · Heft 11 (November 1899) · p. 580

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 11 (November 1899)
Article
Spinoza und Goethe
Date
1899-11-01
Page
580 (sequence 4)
Language
German
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3tn deutschen Reich. 380 Stockung hervorgebracht, die fast ein Jahrhundert währte. Die Wissenschaft kam nicht vorwärts; die Kunst sprach nicht zum Herzen. Wer zu wiederholen wußte, was vor ihm ein weiser Mann gedacht, galt für einen bedeutenden Mann. Da tauchten urplötzlich eine Anzahl von Männern auf, die Ansichten aussprachen, welche in jedem Worte auf Selbstständigkeit deuteten, ein Lessing, ein Herder, und Männer, welche der Wissenschaft und Kunst neue Gebiete eroberten, ein Winckelmann, ein Klopstock, und wieder andere, welche auf die Nachwelt zwar wenig gewirkt haben, aber zu ihrer Zeit die Geister durch blendende Ansichten mächtig erregten, ein Hamann, Lavater, Basedow. Jacobi reicht nicht an Herder heran, aber so weit wie er hinter diesem zurückbleibt, erhebt er sich doch etwa über Lavater. Dieser Jacobi war durch innige Freundschaft mit Goethe verbunden, und diese Freundschaft hat fünfundvierzig Jahre gedauert, obwohl sie einen sehr schweren Stoß zu überwinden hatte, denn Goethe hat einst Jacobi durch eine harte Beurtheilung eines von diesem geschriebenen Nomanes schwer verletzt. Als der 25 jährige Goethe den um 6 Jahre älteren Jacobi kennen lernte, fand er in ihm den geistreichsten Mann, dem er bis dahin begegnet war, mit einer einzigen Ausnahme. Diese Ausnahme war Herder. Aber mit Herder war schlecht Kirschen effen. Er hat Goethe gegenüber stets einen Ton der Ueberhebung angeschlagen, den dieser ertrug, so lange er glaubte, von Herder lernen zu können, durch den er sich aber vielfach verletzt fühlte. In Jacobi dagegen fand Goethe einen Kameraden. Jacobi schloß Goethe seine ganze Seele auf und hatte ein offenes Ohr, als dieser Vertrauen mit Vertrauen erwiderte. Zwischen beiden Männern hat sich ein brüderliches Verhältniß erhalten, und wem Goethe ein Bruder gewesen ist, der hat einen Anspruch darauf, daß wir sein Andenken in Ehren halten. Goethes erstes Zusammentreffen mit Jacobi fand imJuli 1774 statt und ist beiden Männern in der lebhaftesten Erinnerung geblieben. Jacobi erinnerte Goethe in einem feurigen Brief daran, und unter Benutzung dieses Briefes hat Goethe in Wahrheit und Dichtung eine farbenreiche Schilderung gegeben. Tief in die Nacht hinein währte das Gespräch, während das Mondlicht auf dem Rhein zitterte. Das Gespräch dre-hte sich um „Spinoza".

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