Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 11 (November 1899)
- Article
- Spinoza und Goethe
- Date
- 1899-11-01
- Page
- 579 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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msyiuvju miiv vyvcuff. O'iV mit Nothwendigkeit, und die Einsicht in diese Nothwendigkeit führt zu voller Befriedigung des Gemüths. Auch der Mensch erfüllt mit jeder seiner Handlungen eine Nothwendigkeit. Freilich bildet er sich ein, frei zu handeln, aber auch der geworfene Stein, wenn er denken könnte, würde glauben, er fliege freiwillig. Der Mensch, der in den Zusammenhang der Dinge nur beschränkte Einsichten hat, wird beschränkten Zwecken nachgehen. Wer sich zu einer gewissen Vollkommenheit hindurchgearbeitet hat, wird es für seinen höchsten' Zweck ansehen, seine Einsicht immer mehr zu erweitern. Daß die Kugel rund sein muß, begreift jedermann, und niemand hat den Wunsch, es möchte anders sein. Aber alle Dinge sind eben so nothwendig, wie die runde Gestalt der Kugel, und wenn jedermann diese Nothwendigkeit eben so erkennte, würde er sich eben so fügen. Der Gottesbegriff fand in Spinozas Anschauungen keinen Platz. Das Wort Gott bedeutet ihm so viel, wie das Weltall, die Natur. Spinoza wußte sehr wohl, daß seine Ansichten die Gewissensruhe vieler Menschen stören würden, und da er niemandes Gewiffensruhe stören wollte, hat er sie nicht veröffentlicht. Bei Lebzeiten hat er sie nur seinen Freunden mitgetheilt. Zögernd hat er darein gewilligt, daß sie nach seinem Tode der Nachwelt bekannt würden.. Er hat sie aber in lateinischer Sprache, in der Form mathematischer Lehrsätze, ohne jeden stilistischen Reiz, niedergelegt, so daß ihr Studium sehr erschwert ist. So ist es natürlich, daß sie nach seinem Tode bald in Vergessenheit geriethen. Ein heftiger Streit entbrannte nach seinem Tode; zwar wurde von allen Seiten zugegeben, er sei ein tugendhafter Mann gewesen, aber das Schlagwort, er sei ein Atheist gewesen, stempelte ihn zu einem Verworfenen. Grade im siebzehnten Jahrhundert war die Sucht, einen Menschen nicht nach seinem Leben und Wirken, sondern nach seinem Glaubensbekenntniß zu beurtheilen, auf den höchsten Grad gestiegen. Bald nach seinem Tode geriethen seine Schriften in Vergessenheit. Zu den ersten, welche sie wieder ausgegraben haben, gehörte Friedrich Heinrich Jacobi. Dieser Mann gehörte mit zu denen, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts einen Umschwung des geistigen Lebens in Deutschland herbeiführten. Der Blutverlust des dreißigjährigen Krieges hatte eine 39-