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Im deutschen Reich · 1899-11-01 · Heft 11 (November 1899) · p. 578

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 11 (November 1899)
Article
Spinoza und Goethe
Date
1899-11-01
Page
578 (sequence 2)
Language
German
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D#0 Grundsatz ist d i e Freiheit deS wissenschaftlichen und religiösen Bekenntnisses. Das Mittelalter setzte Todesstrafe auf die Ketzerei, und auch das Alterthum forderte, daß derjenige, der im Staate etwas gelten wolle, sich zu den Göttern dieses Staates bekenne, und . hat gelegentlich einen Sokrates zum Giftbecher verurtheilt, weil er andere religiöse Ansichten hatte, als die allgemein verbreiteten. Spinoza hat zuerst den Grundsatz ausgesprochen, daß der Staat nicht in dieFreiheit des Denkens und religiösen Empfindens eingreifen dürfe. Er wollte die Macht des Staates nicht schwächen, denn er dachte groß von dem Rechte des Staates. Der Staat hat nach ihm das Recht, alles zu thun, wozu er die Macht hat, aber dem Gewissen gegenüber versagt die Macht des Staates, und darum soll der Staat nicht einmal versuchen, was er nicht durchführen kann. Der Versuch, äußerliche Handlungen zu erzwingen, welche eine gewisse innerliche Ansicht bekunden sollen, setzt nur die Achtung vor dem Staate herab. Die Toleranz, die er predigte, hat er selbst in Anspruch genommen. Spinoza war der erste Mensch, der außerhalb jedes religiösen Verbandes lebte. Aus der Judenschaft ausgestoßen, weil er im Denken und Handeln von ihr abwtch, hat er diese Ausstoßung willig hingenommen, und außerhalb des Schattens der Kirche hat er musterhaft gelebt und ist selig gestorben. Für uns, die wir zwei Jahrhunderte nach ihm leben, ist diese auf Toleranz gerichtete Thätigkeit der wichtigste Thril in Spinoza's Wirken; für ihn selbst war sie nur ein einzelnes Glied in der Kette seiner Bestrebungen. Er wollte erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Er war ein Mann, wie die Natur ihn selten hervorbringt, fast frei von allen irdischen Leidenschaften, ohne Durst nach Geld, Macht oder Ruhm, bescheiden in seinen Bedürfnissen, friedfertig gegen jedermann, ohne Hang zum Wohlleben, selbst von der Empfindung der Frauenliebe nur flüchtig berührt. Er hatte nur eine Leidenschaft, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung zu erkennen; in dieser Erkenntniß sah er zugleich die höchste Tugend und das höchste Gut. Er war überzeugt, daß sich für jede Erscheinung eine Ursache finden lasse, denn alle Dinge vollziehen sich

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