Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1899)
- Article
- Die Existenzfrage der Judenheit
- Date
- 1899-10-01
- Page
- 573 (sequence 4)
- Language
- German
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Eingesandt. 578 brauchte. Dies ist «in fundamentaler Jrrthum. Es giebt keine einzige Erscheinung im ganzen Weltall, die für sich isoliert dastände, die nicht durch tausend und abertausend Verknüpfungen mit anderen Vorgängen kausal zusammenhinge. Wie soll es da möglich sein, die Angelegenheit der Juden rein für sich zu betrachten, die doch wahrlich wie wenige andere seit zwei Jahrtausenden auf's innigste verknüpft ist mit der Geschichte aller übrigen Völker?! Aber die jüdischen Zeitungen glauben ernsthaft, daß dies möglich sei. Alles, was in der Welt vorgeht, wird durch die jüdische Brille angesehen, immer wird nur gefragt, was mag dieser Vorgang für eine Bedeutung für die Judenheit. haben, welche Stellung nimmt jener Monarch und jener Duodezfürst den Juden gegenüber ein, wie hat sich jener große Dichter oder Schriftsteller über die Juden geäußert? Als ob hiervon die Geschichte der Juden abhinge! Als ob man nicht längst wüßte, daß vor allen Dingen ökonomische Wandlungen die Weltgeschichte beeinflussen! Statt uns immer nur um die Beurtheilung von anderer Seite zu kümmern, sollten wir vielmehr fragen: Was können wir aus den uns umgebenden allgemeinen Verhältnissen als für uns werthvoll abstrahieren? Wirklich verstanden kann die jüdische Frage nur werden, wenn sie im Zusammenhang aufgefaßt wird mit den übrigen großen sozialen Fragen und Bewegungen. Die jüdische Presse zeichnet sich in dieser Beziehung — abgesehen von einigen rühmlichen Ausnahmen — durch eine idyllische Unschuld aus. Die heutige Soziologie aber lehrt uns kurz folgendes: Die soziale Frage ist zum größten Theil die Frage der Landwirthschaft. Die Beweise für diese Behauptung sind zahlreich. England, welches durch seine Ausbildung zum Industriestaat und die Umwandlung seines Ackerlandes in Wiesen vollständig auf Einfuhr von außen angewiesen ist, geht seinem Untergang entgegen, wenn es ihm nicht noch gelingt, den Handel mit China an sich zu reihen. Deutschland, welches bei weitem seinen eigenen Bedarfs an Korn bauen könnte, aber durch die Entwickelung des Großgrundbesitzes in Ostelbien und das übermäßige Anwachsen der Industrie hieran verhindert und auf einen mächtigen Import von Amerika angewiesen ist, würde im Falle eines Seekrieges sehr bald durch Mangel an Getreide in eine geradeswegs verhängnißvolle Lage gerathen. Lassen wir uns an diesen wenigen Beispielen genügen. Sehr charakteristisch ist übrigens, daß die Erkenntniß von der Wichtigkeit des Ackerbaus in der Zukunft auch in die Partei eingedrungen ist, die sich ihr bisher fast völlig verschlossen hatte: die Sozialdemokratie.