Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1899)
- Article
- Die Existenzfrage der Judenheit
- Date
- 1899-10-01
- Page
- 574 (sequence 5)
- Language
- German
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674 Im deutschen Reich. Es ist ein Zeichender Zeit, daß Kautsky, der leidenschaftliche Anhänger Marx', dieses bisher von der Sozialdemokratie so arg vernachlässigte Gebiet in einer Spezialstudie „die Agrarfrage" behandelt. Alles das weist darauf hin, daß - die ausschließliche Herrschaft der Industrie erschüttert ist, daß mehr und mehr die Nationen sich der ursprünglich produktiven Thätigkeit wieder zuwenden. Darüber herrscht in der Wissenschaft kein Zweifel. Der Ackerbau ist in den letzten Jahrzehnten wesentlich vervollkommnet. Man hat zahlreiche landwirthschaftliche Maschinen in Anwendung gebracht und chemische Entdeckungen, die zum größten Theil auf Liebig zurückgehen, haben die Ausnützung des Bodens in hohem Grade gesteigert. Dann haben soziologische Untersuchungen, so z. B. von v. d. Goltz, Sering, Oppenheimer u. A. die Erkenntniß gebracht, daß der isolierte Kleinbauer dem Großbetrieb gegenüber sich nicht halten kann, daß andererseits aber auch der Großbetrieb in seiner heutigen Form nicht den Kampf bestehen wird. Der zu beschreitende Weg ist die genossenschaftliche Vereinigung der Landarbeiter. Hier eröffnen sich großartige Perspektiven für die Zukunst. So liegen die allgemeinen Verhältnisse heute. Ziehen wir unsere Schlüsse aus ihnen für die Judenheil im Besonderen, so sehen wir, daß gerade für sie die Aufgabe vorliegt, sich an dieser Entwickelung auf's Lebhafteste zu betheiligen. Im Handel, in der Industrie und im Handwerk sind Juden in überreichem Maaße thätig, in der Landwirthschast nicht. Dieser müssen sie sich zuwenden. Aber nicht etwa nach veraltetem System. Als vereinzelte Kleinbauer würden sie sehr bald unterliegen. Vielmehr müssen sie sich alle Erfahrungen der modernen Wissenschaft und Praxis zu Nutze machen. Sie müssen als Bahnbrecher auf diesem Gebiete austreten! Im kommenden Winter wird ein Rettungswerk im großen Stil für die galizischen Juden in Angriff genommen werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß hier ernste, langjährige Arbeit nöthig sein wird, ehe sich ein deutlicher Erfolg aufweisen lassen wird. Wir hoffen aber, daß diese große, würdige Bewegung die gesammte Judenheit zur Theilnahme entflammen wird. Hier kann in Wahrheit „das jüdische Herz" sich bethätigen im Bunde mit dem kühlen Verstände. Es besteht in Deutschland der weitverzweigte „Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands". Er geht in mancherlei Beziehungen mit diesen Bestrebungen Hand in Hand. Es muß ein großer, überwältigender Anschluß an diesen .Verein einerseits, an das große galizische Werk andererseits erfolgen.