Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1899)
- Article
- Die Existenzfrage der Judenheit
- Date
- 1899-10-01
- Page
- 572 (sequence 3)
- Language
- German
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572 3m deutschen Reich. beruht, in richtige Bahnen zu lenken. Statt dessen vertritt sie gar häufig einen schwächlichen „Idealismus", der eine große Gefahr in fich birgt. Sie glaubt mit Phrasen und wohlklingenden Worten genug gethan zu haben, schwelgt in den schönsten Vorstellungen von Bruderliebe und -Einigkeit und vergißt über all' diesem Humanitätsdusel, daß nicht Worte Rettung bringen, sondern nur energisches, ernstes und rastloses Arbeiten. Nicht scharf genug kann dieses bloße Hurrah-Judenthum gegeißelt werden. In Folge dieser Beschränkung auf Abwehr des Antisemitismus und auf die Vertretung ganz intern jüdischer Angelegenheiten hat die jüdische Presse es versäumt, wirklich ernste geschichtliche und soziale Studien anzustellen, die uns den Antisemitismus nur als eine Nebenerscheinung erkennen lassen. Der Ursachen der jüdischen Einigungsbe-vegung giebt es viele. Es sind theils religiöse, theils nationale, Lheils stammesgenossenschaftliche Motive, auch rein ethische und vor all<m ökonomische wirken mit. Jedes einzelne entflammt zahlreiche Vertreter, alle zusammen zielen in einer Richtung. Eine Untersuchung des Antisemitismus ergiebt, daß er vornehmlich aus zwei Quellen fließt, aus Konkurrenzneid und Rassenhaß. Während jener es mehr darauf absieht, die Juden ökonomisch zu unterdrücken, ist es das Ziel dieses, ihre soziale Stellung zu untergraben. Es ist mithin die jüdische Frage eine wirthschaftliche und zugleich eine soziale. Das haben die jüdischen Proletarier zum Theil sehr wohl eingesehen, namentlich in Rußland und Polen. In Galizien freilich gehören die jüdischen Arbeiter fast ausschließlich der sozialdemokratischen Partei an, hingegen wurde im Jahre 1897 der „Allgemeine jüdische Arbeiterbund von Rußland und Polen" gegründet. Hier ist also die Erkenntniß durchgedrungen, daß die jüdischen Proletarier nicht nur unter der allgemeinen Nothlage der Proletarier leiden, sondern noch unter ihrer besonderen „Judennoth". Sobald diese Thatsache in ihrer ganzen Bedeutung richtig erkannt und gewürdigt ist, muß die Ueberzeugung sich Bahn brechen, daß nur „große Mittel" helfen, daß hier nicht private Wohlthätigkeit zu lokalen Zwecken, so gut sie auch gemeint ist, ausreicht, sondern daß hier eine soziale Frage im eminenten Sinne des Wortes vorliegt, die nur durch Zurückgehen auf die letzten Gründe dieser Erscheinung und durch radikale Heilmittel gelöst werden kann. Das aber ist gerade der Fehler der Juden und auch der jüdischen Presse, daß sie die jüdische Frage als eine gesonderte betrachten, die für sich behandelt werden könnte, ohne daß man dabei die allgemeinen Verhältnisse, die heute vorliegen, in Betracht zu ziehen