Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1899)
- Article
- Die Existenzfrage der Judenheit
- Date
- 1899-10-01
- Page
- 571 (sequence 2)
- Language
- German
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Eingesandt. 571 Motive auf den verschiedensten Bildungsstufen, in den verschiedensten sozialen Klaffen in ein und derselben Richtung, einem und demselben Ziele zu! Leider hat die jüdische Preffe im allgemeinen keineswegs die große Aufgabe verstanden, die ihr in diesem Kampfe zukommt. Sie steht, man muß dies offen aussprechen, durchaus nicht auf der Höhe der Zeit. Ihre Kampfesweise erhebt sich nicht über die banausenhafteste Kirchturmpolitik. Statt die geschichtlichen Ursachen des Antisemitismus und der großen reagierenden jüdischen Bewegung aufzudecken und dann ernste Vorschläge zur Hülfe zu machen, hat sie sich begnügt mit der Konstatierung der Thatsachen und mit Angabe von Palliativmittelchen zur Heilung. So ist sie naiv genug, zu glauben, daß der Antisemitismus die Ursache der jüdischen Einigung sei, statt, wie es in Wahrheit der Fall ist, in ihm nur eine Veranlassung zu erkennen, welche den an sich geschichtlich notwendigen Zusammenschluß nur beschleunigt hat. Daher hat sie ihre Aufgabe fast ausschließlich in der Abwehr antisemitischer Angriffe und Schmähungen erblickt und sieht nicht ein, daß dies wohl so langsam Platze war, als man noch annehmen durste, daß man es mit einer bald vorübergehenden Erscheinung zu thun habe. Nachdem man aber durch die Ereignisse zu einer besseren Erkenntniß gelangt war, hätte man längst energischer Vorgehen müffen. Statt dessen beschränken sich die jüdischen Zeitungen auch heute noch darauf, kleinliche Antworten auf kleinliche antisemitische Anrempeleien zu geben, peinlich jede jüdische „Großthat" zu registrieren, zu vermelden, wenn irgendwo ein jüdisches Ehepaar seine goldene Hochzeit gefeiert, ein jüdischer Soldat zum Gefreiten oder gar zum Unteroffizier befördert wird, oder einem Juden sonst „eine hohe Auszeichnung" zu Theil wird! In Helle Verzückung aber geräth sie, wenn sie gar auf das „jüdische Herz" zu sprechen kommt. Alle Achtung vor dem Wohlthätigkeitssinn der Juden, aber diese ewige Renommage mit dem jüdischen Herzen muß doch allmählich abstoßen, wenn man betrachtet, was es denn nun wirklich geleistet hat gegenüber dem namenlosen Elend der östlichen Juden. Millionen darben unter furchtbarstem ökonomischen und sozialen Druck, und „das jüdische Herz" ihrer westlichen Stammesgenossen blutet vor Schmerz, aber wirklich große Leistungen im staatsmännischen Sinne sind doch bisher nur sehr vereinzelt vorgekommen. Gegenüber dieser Thatsache war es Pflicht der Presse, nicht immer wieder das schon Geschehene preisend und lobend hervorzuheben, sondern die jüdische Wohlthätigkeit, deren bisherige Erfolglosigkeit zu einem großen Theil aus ihrer irrationellen Betätigung