Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1899)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1899-10-01
- Page
- 557 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316650-2316660--05913-2324892- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Vereinsnachrichten. 657 „internationale Anarchisten" entpuppt. Ueber die Vorgänge, die sich in Kuttenberg in Böhmen abspielten, sei es mißlich zu sprechen, weil wir nicht gewöhnt sind, vor dem gerichtlichen Abschluß eines solchen Falles diesen im Central-Vereine zu erörtern. Ob das Kuttenberger Urtheil aufrecht erhalten werde, sei aber überhaupt für uns nur von sekundärem Interesse. Wenn Hilsner schuldig sei, dann möge er seine Strafe erleiden, aber die Art der Prozeßführung und daß man den Vorgang in.Polna dazu mißbrauchte, den alten unsinnigen Ritualmord-Wahn wieder aufzufrischen, sei etwas, was auch die deutschen Juden auf's Tiefste empören müsse. Die durch die Todesangst dem Hilsner abgepreßten angeblichen Geständnisse, welche der Unglückliche später widerrief, hätten daran nichts geändert; im übrigen möge man abwarten, ob nicht der Kuttenberger Prozeß schließlich noch einen Ausgang nehmen werde, auf welchen die Antisemiten kaum gerechnet hätten. Solch ein geduldiges Abwarten habe der Verein auch der Dreyfus-Affaire gegenüber deshalb befolgt, weil er überhaupt nie eher zu urtheilen pflege, als bis die Möglichkeit vorliege, sich ein objektives Urtheil zu bilden. Jetzt aber könne man dies auf Grund der stenographischen Berichte und man urtheile noch sehr milde, wenn man die Richter im Dreyfus-Prozeß nur eines Fehl spruches zeihe. Das sei nicht nur die Meinung der Juden, sondern der ganzen civilisierten Welt, und daraus folge auch die Verurtheilung derjenigen, welche selbst amtliche Erklärungen der deutschen Reichsregierung zu mißachten wagten, nur um nicht der allgemeinen Meinung von der Unschuld des jüdischen Hauptmanns beistimmen zu müssen. Daß ein antisemitischer Gastwirth die deutsche Flagge zum Zeichen seines Jubels aufzog, als das Ausland einer offenen Erklärung der deutschen Negierung Hohn sprach, habe deutlich gezeigt, wohin der verblendete Judenhaß führe: daß fremde Judenhetzer sogar das deutsche Vaterland ungestraft mit Koth bewerfen könnten, wenn in Deutschland je diese Leute Macht und Einfluß erlangen sollten. In scharfen Worten brandmarkte der Vorsitzende sodann den Geschäftsantisemitismus derjenigen antisemitischen,Presse, welche zum Zwecke des Abonnentenfangs ‘ unwahre Berichte über den Mord in Polna veröffentlichte und durch Flugblätter weiter verbreitete. Das hätten dieselben Blätter gethan, welche zu ähnlichen Reklame - Zwecken den Grafen Pückler ausbeuteten, der nach dem vom Reichsgericht gebilligten freisprechenden Glogauer Urtheil von der Wahnvorstellung befallen sei, als Apostel gegen das Judenthum auftreten zu müssen. Ein solcher Mann, der sich dessen nicht bewußt gewesen, was er gesprochen, sei das Idol der Antisemiten, denen man diesen „Heiligen" wohl