Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-10-01
- Page
- 543 (sequence 10)
- Language
- German
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Umschau. 543 So erging eft bereits früher dem amtlichen „Dresdener Anzeiger", so neuerdings dem konservativen „Chemnitzer Tageblatt", weil das letztgenannte Blatt über die wahren Ursachen der mit Hängen und Würgen erfolgten Wiederwahl des Antisemiten im Pirnaer Reichstagswahlkreise sagte: „L o tz e ist nicht gewählt worden, weil er antisemitischer Parteigänger ist, sondern trotzdem er es ist!" DaS veranlaßt das Hauptorgan der sächsischen Antisemiten zu der Erklärung: „Mit solcher niedrigen Handlungsweise will ein sogenanntes „Amts"blatt der konservativen Partei Achtung und Anhänger verschaffen! Politisch ist es, abgesehen von beschränkten Chemnitzer Kreisen, von unvergleichlicher Bedeutungslosigkeit. Es hat sich erst jüngst in der Dreyfussache bis auf die Knochen blamirt und in der Anrempelung des „Deutschen Kruges" in Chemnitz seine schofle Gesinnungsweise offenbart. (?) Mehr als um die konservative Partei, deren Interessen es angeblich vertritt, dürfte ihm darum zu thun sein, durch seine hündische Unterwürfigkeit gegen das herrschende Judenthum sich jüdische Inserate und Aufträge zu erschmeicheln." Wenn der „Osservatore Romano" bei der Ablehnung jeder Mitschuld an der Verbreitung des „Nitualmord-Märchens" auf die Rolle hinweist, welche Adolf Stöcker in der antisemitischen Bewegung spielt, ist dies nicht zu verwundern. Der ehemalige Hosprediger hat zwar neuerdings in der „Deutschen evangelischen Kirchenzeitung" den Niedergang des Antisemitismus zugegeben, dafür aber nicht seine Parteigenossen, sondern die Hoskreise und die freisinnige Presse verantwortlich gemacht und dabei sich über den Mord in Polna in einer Weise geäußert, als ob er die tendenziösen antisemitischen Berichte über den Mord zu Polna für völlig zutreffend halte. Die für den „Vater des Antisemitismus" charakteristische Auslastung lautet wörtlich: „Der deutsche Liberalismus, auch der religiöse, steht wenigstens öffentlich auf Seiten des Judenthums; er ist zuweilen jüdischer als di« Juden. Jetzt eben wieder wird der Mord in Polna, bei welchem sich herausgestellt hat (?), daß ein christliches Mädchen durch Juden ermordet und völlig blutleer (?) aufgefunden ist, von fortschrittlichen und sozialdemokratischen Blättern zu beschönigen gesucht. Die liberale Preste aber umfaßt in der protestantischen Welt Deutschlands wenigstens neun Zehntel, und das Judenthum sitzt in den allermeisten Redaktionen oder ist doch in ihnen allmächtig. Daher kommt es auch, daß man es bei uns in den maßgebenden Kreisen schont, weil man es fürchtet. (?) Die Aeußerung des Grafen Douglas aus dem Jahre 1888, Kaiser Wilhelm II. habe gesagt, er sei kein Antisemit, spricht ganze Bände. Vielleicht haben die Deutsch-Sozialen dieses