Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-10-01
- Page
- 541 (sequence 8)
- Language
- German
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Umschau. 541 thum überhaupt. Naturgemäß sind die Juden auf diesem Punkt sehr empfindlich, treten für den Angeklagten auf die Schanze und suchen nachzuweisen, wie wenig er doch eigentlich belastet sei. Nicht, lange dauert's, so find fie fertig mit dem Urtheil, daß die Anklage schlechthin nichtig sei. Dieser Uebereifer aber reizt die Gegner zu der Frage: Wäret Ihr auch so sicher, wenn der Angeklagte kein Jude wäre? Soll, er etwa deshalb von vornherein als unschuldig gelten, weil er Jude ist? Gewiß haben die Juden absolut Recht, wenn sie bei jeder Anklage auf Ritualmord von vornherein die Anklage bekämpfen, denn der Ritualmord ist nichts als ein wahnwitziger, grauenhafter Aberglaube, und Blätter, die ihn auch nur als eine Möglichkeit hinstellen, sollten sich ihrer Unwissenheit schämen. Aber was diesen Aberglauben am Leben erhält, ist gerade das leidenschaftliche und einmüthige Eintreten des ganzen Judenthums für jeden dieses Verbrechens Verdächtigten. Gerade in diesem Augenblick spielt sich in Böhmen wieder ein solcher Fall ab. Was sollen die Juden machen? Sollen sie etwa, ohne zu kämpfen, den Justizmord geschehen lassen? Die Grenze ist schwer zu ziehen, aber so viel ist sicher, daß daS Eintreten der Presse und das Anrufen der öffentlichen Meinung gerade das Gegentheil von dem bewirkt, was erzielt werden soll: Nehmen die Juden die eine Partei, so nehmen die Antisemiten, die doch in der Volksmeinung die bei weitem Stärkeren sind, die andere, und der persönliche Kriminalprozeß ist zur Parteisache geworden." Bemerkenswerth ist, daß die meisten katholischen Organe sich gegen jede Mitschuld an den Judenverfolgungen und den Ritualmord-Erfindungen entschieden verwahren. Der päpstliche „Ofservatore Romano" begnügte sich nicht damit zu erklären, daß der Antisemitisnms völlig grundlos der katholischen Kirche vorgeworfen werde, sondern wies darauf hin, daß in Preußen der frühere Hofprediger Stöcker das Haupt der Antisemiten gewesen sei, in Rußland die Juden nicht von Katholiken angefeindet würden und das antisemitische Treiben Drumont's in Frankreich von der römischen Kurie derartig gemißbilligt worden sei, daß letzter« deshalb von Drumont gröblich beschimpft wurde. Nach einem Hinweis auf eine Konstitution Jnnocenz III., in welcher jede Beunruhigung der Juden untersagt wurde, erklärt der „Osservatore": „Und wie die Vorgänger Jnnocenz III. gethan hatten, wie er selbst gethan, so handelten auch stets seine Nachfolger. Sind beispielsweise die von PiuS IX. den Juden gewährten Freiheiten und Erleichterungen unbekannt? Die Handlungsweise des Papstthumes gegenüber dem Judenthume war durchweg und immer ein Werk er-