Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1899)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1899-10-01
- Page
- 540 (sequence 7)
- Language
- German
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540 3m deutschen Reich. durch Anregung eines strengen Schächtverbots bekundeten. Ein „deutscher Gastwirth" klagte über den schlechten Besuch seines Lokals und meinte mit rührender Offenheit, daß er es lieber sehen würde, wenn die „trinkfesten deutschen Männer" bei ihm verkehrten, als die von Juden abgeschickten Sozialdemokraten. Wegen des Abdrucks der aufreizenden Rede Dr. Bachler's über den Polnaer Prozeß ist übrigens das „Deutsche Volksblatt" in Wien beschlagnahmt worden. Wenn ein ähnliches Verfahren in Berlin nicht für nöthig befunden wurde, lag dies wohl an der Annahme, daß der größte Theil des hiesigen Publikums eine derartige Blutmärchen-Agitation kaum anders als eine Abonnements- und Wirthshaus-Reklame beurtheilt. Selbst die konservativ-antisemitische „Kreuz-Ztg." schreibt: „Mit dem Mädchenmord in Polna und dem sich daran knüpfenden Schwurgerichtsprozeß haben wir uns bis jetzt wenig befaßt; einmal weil der Mord, insoweit der Zusammenhang bis jetzt aufgeklärt worden, seine Sühne gefunden hat, sodann aber, weil wir den sog. „Blutmorden" vergleichsweise nicht die Bedeutung beilegen können, die sie in den Augen Vieler, noch immer besitzen. Wie wir bei früheren Gelegenheiten oft betont haben, kommt es uns nicht in den Sinn, das Judenthum als solches, oder auch nur die einzelnen H a u p t r i ch t u n g e n desselben, für diese Dinge verantwortlich zu machen, in denen wir vielmehr nur vereinzelt austretende Erscheinungsformen eines finsteren Wahnglaubens erblicken. Einen sonderlich tiefgehenden Einfluß auf den Gang unserer Entwickelung kann die Aufdeckung solcher Vorgänge deshalb nicht haben. Das Judenthum hätte also nicht den mindesten Grund, sich davor zu scheuen; es würde viel zweckentsprechender handeln, wenn es nicht, so zu sagen, Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um diese Aufdeckung in jedem einzelnen Falle zu verhindern. Gerade dadurch bringt es sich immer wieder in den Verdacht einer Mitschuld, an die wir, wie gesagt, nicht glauben." Offenbar ist das fromme Blatt darüber nicht orientiert, daß gerade die Juden sich in solchen Fällen stets bemühen, die Aufdeckung herbeizuführen und daß es ganz andere Leute sind, welche sogar den Himmel in Bewegung setzen, diese zu verhindern. Dieser Ueberzeugung scheint der Professor Dr. Hans Delbrück zu sein, der sich im Oktober-Heft der „Preußischen Jahrbücher" wie folgt äußert: „Wenn der Verdacht eines schweren Verbrechens sich irgendwo auf einen Juden lenkt, so setzt sich sofort die bei allen Völkern verbreitete antisemitische Stimmung dahinter, vergrößert die Verdachtsmomente und verallgemeinert die Anklage gegen das Juden-