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Im deutschen Reich · 1899-10-01 · Heft 10 (Oktober 1899) · p. 539

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 10 (Oktober 1899)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1899-10-01
Page
539 (sequence 6)
Language
German
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Umschau. 539 burger Nachrichten" ist der Bericht des „Figaro" angezweifelt worden, und die „Staatsbürger-Ztg." ersuchte die Reichskanzlei geradezu flehentlich, diesen Bericht zu dementieren. Dies ist aber nicht geschehen, und so gilt davon hoffentlich das, waS Schiller von einer anderen fürstlichen Aeußerung sagte: „Ob's just seine Worte sind, weiß ich nicht, aber die Sache ist so, wie er spricht!" . Jedenfalls haben die deutschen Antisemiten es längst selbst «ingesehen, daß sie mit dem angeblichen Verrath des. jüdischen Hauptmanns Dreyfus keine Geschäfte mehr machen können. Auch darüber sind sich die Herren sicher im Reinen, daß das wüste Treiben solcher Fanatiker wie Graf Pückler, Neumann- Fernthal, Jakob Jöken u. a. m. ihnen nicht über den todten Punkt hinweghelfen, auf dem sie nach den offenherzigen Aeußerungen Liebermann'S thatsächlich angelangt sind. Die bei den Landtagswahlversammlungen in Baden aufgestellte Behauptung, Liebermann habe erklärt, daß die Antisemiten bereits auf den „todten Hund" gekommen seien, beruht, selbstverständlich nur auf einem Sprechfehler. Weil es ihnen schon schwer genug schien, über den todten Punkt hinwegzukommen, kam ihnen der Mord in Polna so gelegen, daß sie in Berlin an einem Abend gleich zwei Entrüstungsversammlungen veranstalteten, in welchen stundenlang über den Ritualmord gefaselt wurde In der Tonhalle beuteten der frühere Reichstagsabgeordnete Professor Dr. Förster und Hans von Mosch daS alberne Blutmärchen weidlich aus; sie stellten aber schließlich keine schlimmere Forderung auf als eine Uebersetzung des Talmuds auf Staatskosten. In der Versammlung bei Buggenhagen dominierten die Redakteure der „Staatsbürger-Ztg." Der erste Redner Dr. Otto B a ch l e r suchte zwar mit dem § 166 des Strafgesetzbuches nicht in Konflikt zu gerathen, verlor aber doch an zwei Stellen den Faden, indem er entgegen der ausgegebenen Parole nicht eine geheime Sekte, sondern „das Judenthum" für den „Blut-" nicht Ritualmord verantwortlich machte. Der zweite Redner Joh. Wilberg war noch vorsichtiger. Er sprach an verschiedenen Stellen davon, daß hier bei uns unter den Juden solche Morde nicht Vorkommen könnten. Immerhin .vergaßen beide Redner, daß sie durch ihre Einschränkungen der ganzen Bewegung den Sinn und das Ziel nahmen. Wenn wirklich ihrer Annahme nach in Galizien oder Rußland eine verrückte Sekte Hausen würde, brauchte deshalb das Deutsche Reich sicher nicht die Klinke der Gesetzgebung in die Hand zu nehmen. Die Raffenhetzer vom Deutschen Antisemitenbund ironisierten sich zuletzt selbst, indem sie Maßregeln zur Ausrottung des doch nur von ihren eigenen Parteigenoffen genährten „Blutaberglaubens" forderten und ihr inniges Gefühl für das liebe Rindvieh

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