Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1899)
- Article
- Ein verkanntes Proletariat
- Date
- 1899-10-01
- Page
- 531 (sequence 6)
- Language
- German
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Lin verkanntes Proletariat. 831 enthalt in England ausgeprägten Unabhängigkeitssinn und Ehrgefühl besitzen. Ich habe einmal einer Sitzung beigewohnt, in der die jungen Leute nach Zurücklegung ihres ersten Arbeitsjahres versammelt waren, und diejenigen eine Prämie erhielten, die sich in dieser Zeit gut geführt hatten. Mit wahrem Vergnügen bemerkte ich, wie die jungen Arbeiter, denen noch das Brandmal der Verfolgungen auf der Stirn stand, in ihrem ganzen Benehmen schon etwas Unabhängiges und Freies angenommen hatten, — eben um dieser Freiheit willen arbeitet der Jude rastlos. Als ich eines Tages einen Arbeiter, der sich über feine mühselige Thätigkeit beklagte, fragte, warum er denn nicht wieder nach Rußland zurückginge, antwortete er mir: „Ich arbeite hier viel mehr als in Rußland; ich verdiene auch nicht viel, aber ich bin doch frei." Der christliche Arbeiter ist niemals wegen seiner religiösen Ueberzeugung verfolgt worden; er ist nie Sklave'gewesen und kann deshalb nicht begreifen, daß der jüdische Arbeiter unermüdlich arbeitet, um wenigstens frei und unabhängig leben zu können. Ein christlicher Arbeiter sagte mir einmal, die Thatsache, daß die Juden nicht in die Gewerkschaften eintreten wollten, sei der Grund ihrer Unbeliebtheit. Hier gleich die Antwort auf diese Behauptung; sie wurde mir von einem jüdischen Arbeiter zu Theil und ist typisch; ich gebe sie deshalb im Wortlaute wieder: „Sie wollen, daß wir in die Gewerkschaften eintreten, um bei der ersten besten Gelegenheit einen Streik vom Zaun zu brechen. Es ist leicht gesagt, ein Streik! Ich habe eine Frau und fünf Kinder zu ernähren und arbeite lieber mehr, wenn ich dafür nur mein tägliches Vrod habe." Diese Antwort ist begreiflich, wenn man eben bedenkt, daß der jüdische Arbeiter ganz zufrieden ist, wenn er nach freiem Belieben schalten und walten kann. — Der jüdische Arbeiter ist aber auch nicht frei von Lastern; eins der ausgeprägteste» und verbreitetsten ist sein Hang zum Spiel. Ich entschuldige diese unmäßige Leidenschaft nicht, erkläre sie mir aber aus folgendem Umstande: Früher kannte der Jude keine andere Zerstreuung, als sich einen Talmudband vorzunehmen, um sich in sein Studium zu vertiefen und irgend etwas Neues darin zu finden. So hat sich bei ihm der Hang zum „Grübeln" entwickelt; gegenwärtig ist 38'