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Im deutschen Reich · 1899-10-01 · Heft 10 (Oktober 1899) · p. 532

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 10 (Oktober 1899)
Article
Ein verkanntes Proletariat
Date
1899-10-01
Page
532 (sequence 7)
Language
German
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632 3m deutschen Reich. nun das religiöse Gefühl beim Juden des East End im Schwinden begriffm, jene „Gymnastik des Geistes" aber findet dafür im Spiele ihren Ausdruck. Was ferner einen Gegensatz, ja einen gewissen Haß auf Seiten der christlichen Arbeiter, wohlverstanden der des „Unfkilled labour", gegen die Juden hervorruft, ist der Hang der letzteren, sich gut zu kleiden. Ein Gang durch das East End am Sonnabend läßt diesen auffallenden Gegensatz leicht erkennen. Die Arbeiterinnen namentlich putzen sich gern und schmücken ihre Ohren mit funkelnden Ringen. Ich halte das für ein Ueberbleibsel des Orientalischen im Juden, aber nicht für ein Laster, jedenfalls für kein großes, denn es ist immer noch besser, fein Geld für schöne Kleider als für Alkohol auszugeben. Zu erwähnen bleibt schließlich noch eine „Sünde", welche die Londoner Juden ihren Glaubensgenossen aus dem East End vorwerfen, nämlich, daß sie «m Sabbath arbeiten. Die alte religiöse Gewohnheit erscheint bei den Arbeitern des East End thatsächlich im Aussterben begriffen. Ich persönlich bedaure dies, nicht vom religiösen, sondern vom hygienischen und sozialen Standpunkte aus. Da diese Frage jetzt gerade sehr brennend ist, so möchte ich einige Worte darüber sagen. Mr. Lakemann behauptet, es werde einst der Tag kommen, wo der moderne Jude ebenso die Heilighaltung des Sabbath vergessen haben würde, wie „So-called Christians ignore theirs.“*) Ich glaube es nicht. Wenn der jüdische Arbeiter am Sonnabend arbeitet, so thut er es der Roth gehorchend, weil er sonst nicht genug verdienen würde. „Glauben Sie," sagte mir eines Tages ein Arbeiter, „daß ich zu meinem Vergnügen am Sonnabend arbeite? Ich würde mich auch lieber einen Tag ausruhen, aber wovon soll ich leben? Der liebe Gott wird nicht böse sein, wenn ich unter solchen Umständen den Sabbath nicht halte." Ich kann jedoch versichern, daß es noch viele Arbeiter giebt, die an diesem Tage feiern. Es arbeiten insbesondere die „Greeners", die hierzu von ihren Meistern gezwungen werden; aber auch sie kehren heute schon zu jener alten Gewohnheit zurück, wenn sie freie Arbeiter geworden, und werden überhaupt das religiöse Gebot nicht mehr verletzen, wenn sich in Zukunft ihre Lage bessern sollte. Ein weiterer Vorwurf, den *) Jewish Chronicie, 21. Juni 1895.

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