Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1899)
- Article
- Ein verkanntes Proletariat
- Date
- 1899-10-01
- Page
- 530 (sequence 5)
- Language
- German
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530 Im deutschen Reich. geräumigen Billardsaal, ein Lesezimmer und einen großen Saal, wo häufig Versammlungen, manchmal auch Aufführungen stattfinden. Am Eingang ist eine Anschlagtafel mit Bekanntmachungen der verschiedenen Vereine, wie z. B. des Arbeiter-Turn-, des Arbeiter-SchwimmvereinS rc. angebracht. In den Räumen des Vereins befindet sich außerdem das Sekretariat des „Ruffo-Jewish Committee", das den jüdischen Arbeitern Beschäftigung nachweist und zum Ankauf von Werkzeugen, sowie für die Miethe Vorschuß gewährt. Dieses Komitee bildet gewissermaßen eine von den Juden im West-End errichtete Ortspolizei; ein Beamter derselben inspiziert die Häuser, wacht darüber, daß die Insassen nicht zu eng in denselben Räumen eingepfercht wohnen und hält die Eltern dazu an, ihre Kinder zur Erlernung des Englischen in die Schule zu schicken. Allerdings thun dies viele Eltern nicht gern. Als eines Tages der Sekretär des Komitees in meiner Gegenwart einem jüdischen Arbeiter darüber Vorwürfe machte, daß er keines seiner Kinder in die Schule schickte, antwortete der Vater: „Ich bin hier mit drei Kindern; meine Frau ist mit drei anderen in Rußland geblieben; ich verdiene kaum so viel um zu leben, und wenn ich meinen Jungen, der 3 bis 4 sh. die Woche verdient, nicht arbeiten ließe, so könnte ich meiner Frau und meinen anderen Kindern garnichts schicken." Was soll man auf einen solchen Einwurf antworten? Es läßt sich nicht leugnen, daß die Londoner jüdische Gemeinde viel für die Armen des East-End thut. Es existieren ungefähr 40 verschiedene Wohlthätigkeitsvereine, an deren Spitze der „Jewish Board of Guardians" steht. Dieser hat nicht nur Geldunterstützungen geleistet, sondern in den beiden letzten Jahren zwei segensreiche Einrichtungen in's Leben gerufen, die ich an dieser Stelle erwähnen möchte, nämlich die „Evening ClasseS", in welchen die jüdischen Arbeiter, mitunter noch als Familienväter des Abends nach der Arbeit englische Stunden erhalten, und die Fachschule für jüdische junge Leute. Hier erlernten im Jahre 1895 482 und im Jahre 1896 531 Personen die verschiedenen Handwerksarten. Die Lehrzeit, welche ihnen vom „Jewish Board of Guardians“ bezahlt wird, beenden jedes Jahr zahlreiche junge Leute, um jüngeren Genossen Platz zu machen. Nur wer das Elend der Juden in Rußland kennt, vermag die Freude mit zu empfinden, dieeinen erfüllt, wenn man sieht, wie diese jungen Leute schon nach kurzem Auf-