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Im deutschen Reich · 1899-10-01 · Heft 10 (Oktober 1899) · p. 529

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 10 (Oktober 1899)
Article
Ein verkanntes Proletariat
Date
1899-10-01
Page
529 (sequence 4)
Language
German
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Lin verkannteZ Proletariat. m life nach vielen Jahren anstrengendster Thätigkeit zu einer günstigeren materiellen Stellung als sein christlicher Genosse. Ich lernte im East End einen jüdischen Arbeiter kennen, der 30 Jahre lang unter dem Sweating gearbeitet, es aber ermöglicht hatte, daß sein Sohn in einem Bureau Anstellung fand. Ein analoger Fall wird einem schwerlich bei christlichen Arbeitern, die unter dem Sweating beschäftigt sind, begegnen. Die Mehrzahl der christlichen Arbeiter denkt nicht daran, durch den Verzicht auf den Alkoholgenuß das Loos ihrer Kinder zu erleichtern. Dagegen suche man nur einmal am Freitag Abend die Behausung eines jüdischen Arbeiters auf. Weihevolle Sabbathstille ruht über dem Ganzen. In dem reinlichen Stübchen sitzt die Familie beisammen. Der Vater, der während der Woche wie ein Sklave gearbeitet hat, thront wie ein König unter den Seinen, ihm zur Seite die Mutter, die Vollstreckerin seiner Weisungen, und willig gehorchen die Kinder. Sehen wir indeffen zu, wie die Mehrzahl der christlichen Arbeiter der „nusüillsck labour“ den Sonntag verbringt; den ganzen Tag über bleibt er in den Bars, und in erschreckender Menge durchziehen betrunkene Arbeiterfrauen lärmend die Straßen. Die Prostitution, die in so beängstigendem Umfange im East-End verbreitet ist, existiert bei den Juden fast gar nicht. Es ist das Ideal des jüdischen Vaters, seine Tochter zu verheirathen, das der Tochter, einen braven Mann zu finden, und wenn sie Jahre lang ihren Arbeitslohn dem Vater heimbringt, so weiß sie genau, daß dieser ihn ihr im gegebenen Moment in Gestalt einer vielleicht winzigen, aber doch zu ihrer Verheirathung hinreichenden Mitgift zurückerstatten wird. Auch die Vergnügungen des jungen jüdischen Arbeiters sind gänzlich verschieden von denen seiner christlichen Berufsgenossen. Er ist fast durchweg Mitglied eines geselligen Vereins, wie sie im East-End zahlreich vorhanden sind; hat doch ein jeder Berufszweig mitunter sogar schon ein einzelner Fabrikationszweig seinen eigenen Klub. Dort sind die jüdischen Arbeiter, wie ich mich selbst überzeugte, während ihrer Mußestunden, namentlich Sonnabends, beim Diskutieren und Domino- oder Kartenspiel vereint. Der größte Klub ist der „Jewish Working Club" in der Great Alie Street, wo im Winter Arbeiterfeste und Bälle veranstaltet werden, die einen sehr interessanten Anblick gewähren. Der Klub enthält außerdem einen

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