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Im deutschen Reich · 1899-10-01 · Heft 10 (Oktober 1899) · p. 528

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
5 (1899)
Issue
Heft 10 (Oktober 1899)
Article
Ein verkanntes Proletariat
Date
1899-10-01
Page
528 (sequence 3)
Language
German
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628 Im deutschen Reick. zu Theil werden läßt, wirst ihnen vor, daß ihnen die höchste menschliche Tugend, nämlich „das soziale Pflicht» gefühl" fehle.*) Diese Behauptung ist etwas unklar, denn noch auf derselben Seite schreibt der Verfasser: „Kurz, der ausländische Jude kennt absolut keine sozialen Pflichten außer dem Gehorsam gegen die Landesgesetze, der Fürsorge für seine Familie und der Mildthätigkeit gegen seine Glaubensgenossen." Mir scheint, Mr. Booth widerspricht sich damit selbst, denn wenn jeder Mensch nur diese drei Tugenden besäße, so würden wir in einer Idealwelt leben. Sie bilden ja die Grundlage der Moral, fehlen aber manchem christlichen Arbeiter, der unter dem „Sweating" beschäftigt ist. Der Polizei des „East End" machen die Juden nichts zu schaffen. Und wie steht es mit der Familie, dieser Grundlage des gesellschaftlichen Organismus? Der christliche Arbeiter arbeitet in der Regel für sich allein; Frau und Kinder verdienen sich ihren Unterhalt selbst. Wer kann ihnen das auch verdenken? Ihre Eltern haben es so gehalten; sie folgen nur ihrem Beispiel. Aber das wollen wir doch bei dem jüdischen Arbeiter freudig anerkennen: Der Vater arbeitet für die Seinen, und die Kinder, unter steter elterlicher Aufsicht, bringen alles, was sie verdienen, dem Vater heim. In innigem Zusammenleben theilen sie alles miteinander: Leid und Freud. Die Wohlthätigkeit ist ihnen etwas ganz Selbstverständliches und gilt keineswegs als besondere Tugend, denn alle Juden des East End haben die furcht» bare Schule der ersten Jahre durchgemacht und suchen nun mit allen Kräften die Leiden ihrer Mitbrüder zu lindern. Wenn aber Charles Booth unter „sozialem Pflichtgefühl" das Klassenbewußtsein der Arbeiter versteht, so habe ich schon früher erklärt, daß es für den jüdischen Proletarier normaler Verhältnisse, ja einer neuen Generation bedürfe, damit auch er dieses Gefühles theilhaftig werde. Die vorerwähnten Tugenden der jüdischen Arbeiter gereichen ihnen auch in ihrer übrigen Lebensführung zu großem Vortheil, denn während die Mehrzahl der christlichen Arbeiter arbeitet, ohne dabei an den nächsten Tag zu denken, gelangt der Jude, trotzdem er bei aufreibenderer Arbeit weniger verdient, dank seiner Mäßigkeit und seines geringeren Ltuuäurä of *) Charles Booth, Bd. JU, S. 191.

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