Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 9 (September 1899)
- Article
- Lazarus, Prof. Dr. M., [Rezension]
- Date
- 1899-09-01
- Page
- 508 (sequence 7)
- Language
- German
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508 Im deutschen Reich. des JudenLhumS weiter, sodaß darin auch die prophetische Religion des Alten Testaments und ihre Nachwirkung in allen späteren Zeiten inbegriffen ist, dann wird man von einem einheitlichen Geist des Judenthums, welcher eine einheitliche Sittenlehre erzeugt hätte, nicht mehr sprechen können; denn die Grundgedanken des Prophetismus und Nomismus schließen sich Lheilweise aus." — Wie leicht ließe sich aus diesem Satze eine vom Christenthum Analoges aussagende Parodie Herstellen! Welch schroffer Gegensatz zwischen Paulus und den anderen Aposteln, wenn man gewiffe Strömungen berücksichtigt, wie sie beispielsweise in der Apokalypse, im Jakobusbrief, selbst im Matthäusevangelium sich verrathen. Daß zwischen dem sogenannten Priesterkodex und den älteren Bestandtheilen des Pentateuchs nicht blos formelle, auch sachliche Differenzen vorliegen, weiß heute jeder Theologe; aber der Kern auch der spätesten Bestandtheile entstammt gleichwohl der jüdischen „Volksseele", ob man nun mehr anthropozentrisch an den religionsschöpferischen Genius des Judenthums oder theozentrisch an den Geist des Offenbarungsgottes selber bei solchem Ausdruck gedacht wiffen will. Das sind doch letztlich zum guten Theil nur Worte. Die Frage ist einfach die: Giebt es eine jüdische Volksseele? Wenn irgend ein Volk, so hat dieses Volk bewiesen, daß „Völkerpsychologie" kein bloßes Phantasma, Volk kein Abstraktum ist. Freilich besteht das Volk aus Individuen, und wir Christen haben es insofern leichter, von einem einheitlichen Geist des Christenthums zu sprechen, als der schöpferische Genius, der von der einen Person unseres Stifters ausgegangen ist, an sich, ideal betrachtet, von jener Vielköpsigkeit der persönlichen Träger einer Volksseele frei und damit einheitlicher individualisiert zu sein scheint. Allein das ist doch nur Schein. Auch das ausgeprägteste Individuum ist doch kein Atomon; ein Untheilbares giebt es in dieser Welt nicht; sagt doch Paulus, wo er in Gal. 3 von Moses und Christus spricht: „Gott ist Einer". Das sittliche Ideal, gleichviel welches Quantum seines Befundes genetisch aus Christenthum und MosaiLmus, aus Griechen- Lhum und altrömischem Recht, aus Renaissance und Revolutionsära sich zusammensetze, wird als Maßstab des empirischen Christenthums angesetzt; das umgekehrte Verfahren hat nur die Bedeutung einer nachträglichen Richtigkeitsprobe, eines vor übereilten Neubildungen warnenden konservativen Regulativs. Das ist die Denkweise, worin wir evangelischen Ethiker mit manchen philosophischen Kantianern und Positivisten übereinstimmen: und das ist auch Lazarus' Standpunkt. Wie dürfte man den jüdischen Ethikern versagen wollen, was jedem christlichen zugestanden werden muß? Schürer findet, daß der Geist des