Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 9 (September 1899)
- Article
- Lazarus, Prof. Dr. M., [Rezension]
- Date
- 1899-09-01
- Page
- 505 (sequence 4)
- Language
- German
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Bücherschau. 605 absolut Bösen). Namentlich dieses letzte Kapitel enthält viel äußerst Interessantes über allgemeine und besondere Fragen (Mitleid, Nächstenliebe, Elternpietät, Freundschaft, Schärfung des Gewissens, Theodicee, Militarismus, Daseinszweck u. s. w.). Zu dem (auch sonst üblichen) Worte „Versittlichung" möchte ich ein bescheidenes Fragezeichen setzen. Dieses Präfix „Ver" — mit dem zarten und freiheitsdustenden Begriff der Sitte solidarisch zu setzen — das scheint mir vom Standpunkt des feineren Sprachgefühls eine contradictio in adjecto. Vervollkommnen kann ich wohl eine Pferderaffe, verfittlichen konnte nicht einmal Gott vor der Sündfluth die Menschheit. Es liegt zu viel von Mechanismus in dem Wort. Man gestatte uns daher, etwas bei diesem Thema zu verweilen. Eine der schwierigsten Fragen jeder religiös begründeten, auch der christlichen Ethik, betrifft ihre Abgrenzung gegen di« philosophische Ethik. Die Einseitigkeit in der Beurtheilung des Problems ist gleich groß und gleich erstaunlich bei unphilosophischen Theologen, wie bei religiös indifferenten Philosophen. Wer aber wie Schleiermacher, de Wette und einzelne Neuere beides mustergültig "zu vereinigen vermag, vorurtheilsfreie Wahrheitsliebe und fromme Bekenntnißtreue, für den ist die Frage zwar um so interessanter, aber ihre Beantwortung desto verwickelter. Weshalb unterscheiden wir überhaupt philosophische und christliche Ethik? Ist das etwa blos eine Spezialität der Theologen oder doch der Christen? Stammt es blos aus der mittelalterlichen Entgegensetzung geistlicher und weltlicher Lebensideale oder gar blos aus der Theilung unserer akademischen Fakultäten? O nein! Steinthal's System der Ethik verhält fich zu LazaruS' Ethik des Judenthums genau so, wie Chalybäus' System der spekulativen Ethik zu Martensen's „Christliche Ethik". Es wurzelt jene Duplizität zuletzt in der menschlichen Geistesanlage, in dem relativen Gegensatz zwischen Freiheit und Abhängigkeit, zwischen Kultur und Kultus, zwischen dem Ringen nach Beherrschung der Welt und dem Bewußtsein der Abhängigkeit von Gott. Mißlicher ist es schon, wenn Schleiermacher und de Wette beide Aufgaben, die religiösgeschichtliche und die philosophisch-unabhängige Sittenlehre (moral« rndspöiidsnt«), in rein systematischer Weise nebeneinander und unabhängig von einander zu lösen versuchten; weniger bedenklich, wenn, wie vor beiden K. Fr. Stäudlin eS angestrebt hatte, nach ihnen E. Feuerlein es durchgeführt hat, der Accent beide Male auf die historisch-kritische Entwickelung gelegt wird. Christenthum und Judenthum find geschichtliche Mächte, deren allmähliche Auswirkung mit unausgesetzter Ueberwindung und Assimilierung unzähliger fremd-