Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 5 (1899)
- Issue
- Heft 8 (August 1899)
- Article
- Marcus, Ernst [Rezension]
- Date
- 1899-08-01
- Page
- 446 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316650-2316658-2324478--05711-2324588- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
446 Im deutschen Reich. eines Schopenhauer, Nietzsche, von Hartmann, Dühring, de Lagarde rc. in die weitesten Kreise. Mit Recht stellt es Marcus als eine wichtige Aufgabe der wahren Beförderer der Kultur hin, solche falschen Systeme zu bekämpfen. „An die Stelle des falschen muß das wahre, an die Stelle des giftigen muß das heilsame System gesetzt werden. Ist das falsche System einmal gründlich logisch vernichtet, so werden die Gebildeten aufhören, es anzuerkennen, sie werden aufhören, es in den unteren Schichten der Kultur zu verbreiten, sie werden das wahre und heilsame System mit demselben Temperament vertreten wie zuvor das falsche, und so wird, wenn es auch eine Zeitlang währen mag, eiue Generation erstehen, deren Geist nicht mehr mit jenen verderblichen Jrrthümern durchtränkt ist." Für das System nun, welches allein berufen ist, jene falschen Systeme zu verdrängen, hält Marcus die Weltanschauung Kant's. Insbesondere Kantus Kritik der praktischen Vernunft, welche bisher theils unverstanden, theils mißverstanden sei, will er „auf einen neuen und klaren Ausdruck" bringen. Für solche Rückkehr von den Systemen eines Fichte, Schelling, Hegel, Schopenhauer, von Hartmann und Nietzsche zu Kant wird auch von anderen philosophischen Fachgelehrten Propaganda gemacht, übrigens ohne daß Marcus irgend wie von ihnen beeinflußt worden wäre. Es seien hier nur Friedrich Albert Lange und Kuno Fischer, die ursprünglich Hegelianer waren, so wie Hermann Cohen, Stammler und Natorp genannt. Auch das jetzt in in der Tagespresse so viel erwähnte Buch Eduard Bernsteines, des bedeutendsten Theoretikers der sozialdemokratischen Partei, verlangt Rückkehr zu den ethischen Lehren des großen Königsberger Philosophen. So hat diese Bewegung, welche die Welt lieber nach den ewig bleibenden Gesetzen der Logik als nach willkürlichen, wenn auch noch so poetischen Begriffsdichtungen verstehen will, schon heute Männer der verschiedensten Richtungen ergriffen, die zum Theil ohne Zusammenhang miteinander, doch zu den gleichen Ergebnissen philosophischen Denkens gelangt sind. Wenn diese Bewegung innerhalb der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts zur Herrschaft kommt, so würde dies für uns wie für alle zu Unrecht Bedrückten und Verfolgten von größtem Nutzen sein. Nach Kant sind ja die Haupttugenden Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit, und nur durch die Geringschätzung und bewußte Verletzung dieser Tugenden seitens zahlreicher Personen hat der Antisemitismus seine Siege errungen. Vor allem schätzt Kant die Wahrhaftigkeit. Auch der beste Zweck wird nach Kant niemals die Nothlüge rechtfertigen. Man denke daran, wie oft im.angeblichen Interesse des